Späte Kinderwünsche

März 2019 | Die Zeit | Zukunft Medizin

Späte Kinderwünsche

Der gesellschaftliche Trend, sich erst spät für Kinder zu entscheiden, stellt die Reproduktionsmedizin vor neue Herausforderungen.

Illustration: Dirk Oberländer
Julia Thiem / Redaktion

Früher waren unverheiratete Frauen mit ihrem 25. Geburtstag eine „alte Schachtel“. Dann nämlich bekamen sie nach norddeutschem Brauch statt des Jungfernkranzes zur Hochzeit einen aus alten Schachteln zusammengebundenen Kranz. Über die Bedeutung der Schachteln streitet man sich, die Botschaft ist jedoch klar: Die fruchtbarsten Jahre sind vorüber. Darüber kann Frau heute nur milde lächeln. 2017 war eine Mutter in Deutschland bei Geburt ihres ersten Kindes im Schnitt 29,8 Jahre alt. Und während 1970 nur eine von 100 Frauen das erste Kind im Alter von 35 Jahren oder später bekam, lag der Anteil der Frauen, die 2017 zwischen 35 und 39 Jahren ihr erstes Kind bekamen, laut statistischem Bundesamt bei 21 Prozent.


Die Entwicklung zur späten Mutterschaft ist vor allem gesellschaftlich geprägt. Die Biologie ist da wesentlich näher am niedersächsischen Schachtelbrauch. Und so brauchen immer mehr Paare heute Unterstützung, wenn sie sich ihren Kinderwunsch erfüllen wollen. In der Pubertät liegt die Anzahl der Eizellen noch bei rund einer halben Million. Mit 30 sind es nur noch knapp 50.000, mit 40 etwa 9.000 Eizellen. Bei Männern sieht das zwar etwas anders aus, theoretisch können sie ein Leben lang Spermien produzieren und sich fortpflanzen. Doch auch bei ihnen nimmt die Spermienqualität und -dichte mit dem Alter ab. Und so sind Männer und Frauen laut führenden Fertilitätsexperten wohl jeweils für ein Drittel aller Fälle verantwortlich, bei denen sich der Kinderwunsch auf natürlichem Wege nicht erfüllt. Die Ursache für das letzte Drittel ist oft unklar.


Entsprechend findet man in jeder größeren Stadt heute auch ein sogenanntes Kinderwunschzentrum. Seit dem ersten Retortenbaby vor etwa 40 Jahren kamen laut Zahlen der Europäischen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin und Embryologie (ESHRE) etwa acht Millionen Kinder nach einer Fruchtbarkeitsbehandlung zur Welt. Ganz vorne in Europa sind dabei die Spanier mit den meisten Therapiezyklen. Das liegt unter anderem daran, dass dort die Gesetzeslage offener ist. Während Paare hierzulande im Fall der Fälle nur auf einen Samenspender zurückgreifen können, dürfen in Spanien oder Tschechien auch Eizellen gespendet werden. Das heißt, dass einer Frau unter Umständen eine befruchtete Eizelle eingesetzt wird, die genetisch nicht mit ihr und/oder ihrem Partner verwandt ist. Daher nimmt auch der Fertilitätstourismus in eben diese Länder zu.


Es ist tatsächlich das relativ strikte Embryonenschutzgesetz, das Paare ins Ausland treibt. Denn mit Blick auf die Qualität in Klinik und Forschung muss sich Deutschland nicht verstecken. Im Gegenteil: Mit der Kryokonservierung, dem Einfrieren befruchteter Eizellen im Vorkernstadium, sind gleich mehrere Transfers mit nur einer Entnahme möglich, was eine Risikoschwangerschaft durch Mehrlinge deutlich reduziert. Und die frisch gebackene Leibniz-Preisträgerin Melina Schuh vom Max-Planck-Institut Göttingen erforscht aktuell, warum die Eizellen mit zunehmendem Alter der Frau an Qualität verlieren und Fehler in der Reifeteilung häufiger werden, die Chromosomen-Anomalien oder Fehlgeburten auslösen können. Es ist also gut möglich, dass Schachtelkränze auch in Niedersachsen demnächst erst zum 45. Geburtstag verteilt werden.