Schön ohne Schmerz

Oktober 2015 | Die Zeit | Zukunft Medizin

Schön ohne Schmerz

In der Mittagspause zur Faltenbehandlung? Das ist heute nicht ungewöhnlich. Der Trend in der Schönheitsmedizin geht weg vom Skalpell.

Illustration: Andrew Thorpe by Marsha Heyer
Kerstin Mitternacht / Redaktion

Das Klischee von der exzentrischen Dame, die sich beim plastischen Chirurgen hat liften  lassen, kennt man hauptsächlich aus den Medien. Dass sich die Kollegin oder der Nachbar auch schon Falten auffüllen oder das Dekolleté hat glätten lassen, weiß und merkt man meist nicht. Und so soll es auch sein: Möglichst unauffällig, schonend und ohne Ausfallzeiten. Das Ziel ist es, möglichst frisch, jung und dynamisch auszusehen.


Dabei geht der Trend in der ästhetischen Chirurgie immer mehr hin zu sanften Methoden, die ohne Skalpell auskommen. Das zeigen aktuelle Zahlen einer Patientenumfrage der Deutschen Gesellschaft für Ästhetische-Plastische Chirurgie (DGÄPC): Patienten, die eine nicht- oder minimalinvasive Behandlung machten, lagen 2015 mit 23,8 Prozent über dem Wert des Vorjahres (20,7 Prozent). Faltenbehandlungen mit Botulinumtoxin (Botox) oder „Filler“ seien bei den Patienten heute stärker gefragt als etwa Fettabsaugen.


Wie viele Patienten sich insgesamt einer Schönheitsoperation unterziehen, ist schwer festzustellen. Eine Befragung von DGÄPC-Mitgliedern und der Vereinigung Deutscher Ästhetisch-Plastischer Chirurgen (VDÄPC) aus dem Jahr 2014 kam zu einer Zahl von etwa 32.000 ästhetisch-plastischen Operationen, dazu 32.000 nicht-invasive Eingriffe. Männer als Patienten haben in den vergangenen Jahren an Bedeutung zugenommen. Einen Trend will die Studie daraus allerdings nicht ableiten (Anteil 2015: 13,5 Prozent). Frauen, die sich ästhetisch-plastisch behandeln lassen, bleiben mit 86,1 Prozent deutlich in der Mehrheit, wie die Befragung der DGÄPC zeigt.


Auch wenn sich „schonend“ und „sanft“ vielversprechend anhören, ganz schmerzfrei sind auch solche Behandlungen meist nicht: „In dem Spruch 'Wer schön sein will, muss leiden' steckt viel Wahrheit, selbst bei schonenden Verfahren “, sagt Dr. Ziah Taufig, Facharzt für Plastische & Ästhetische Chirurgie und Generalsekretär der Gesellschaft für Ästhetische Chirurgie Deutschland. Zu den sanften Methoden, um Falten zu glätten, gehören zum Beispiel „Lifting-Fäden“. „Das sind Fäden mit kleinen Widerhaken. Sie werden in das Gewebe eingesetzt, dann wird an dem Faden gezogen, die Haken bleiben hängen und ziehen dadurch die Haut glatt“, erklärt Taufig. „Dabei erhält man ein schnelles Ergebnis.“ Nachteil sei jedoch, dass der Körper den Faden als Fremdkörper erkennt und ihn abstößt. Nach drei bis vier Monaten komme der Faden an die Hautoberfläche und müsse entfernt werden.

»Ganz schmerzfrei sind auch solche Behandlungen meist nicht.«


Ein weiteres schonendes Verfahren ist das „Medical Nealing“: Mit kleinen Nadeln – oder auch einem Laser – wird die Haut minimal verletzt, durch die Wundheilung sieht die Stelle danach verjüngt aus. „Diese Methode kann im Gesicht, Dekolleté oder bei Cellulite eingesetzt werden. Nach ein bis zwei Wochen, wenn die Schwellung abgeklungen ist, hat man ein schönes Ergebnis, das etwa ein Jahr hält“, sagt Taufig. Auch bei Schwangerschaftsstreifen oder Narben funktioniere dies gut.  


Eine Methode zum Fettabbau ohne äußere Verletzung der Haut ist das „Coolsculpting“ – Kälte von außen oder Kryolipolyse. „Dieses Verfahren gibt es seit etwa sechs Jahren und wurde in den USA entwickelt“, sagt Dr. Harald Kaisers, Facharzt für Ästhetisch-Plastische Chirurgie aus Leipzig und Mitglied des Vorstands bei der DGÄPC. Haut sei gegenüber Kälte resistenter als Fettzellen. Mit Hilfe eines Applikators können gezielt Problemzonen, wie Reiterhosen oder Hüftspeck behandelt werden. Der Applikator saugt an den betroffenen Stellen Haut und Fett ein. Über Kälteplatten wird das Gewebe auf etwa vier Grad Celsius heruntergekühlt. Die Therapie dauere etwa eine Stunde. „Die Behandlung kann ein wenig zwicken, ist aber ansonsten schmerzarm“, erklärt Kaisers. Danach werde die behandelte Stelle glatt massiert. Der Körper beginne nun, die Fettzellen allmählich abzutransportieren. „Etwa 30 bis 50 Prozent der Fettzellen können in optimalen Fällen abgebaut werden.“ Dieser Prozess könne allerdings sechs bis acht Wochen dauern. „Das Coolsculpting Verfahren ist wirksam und sicher und hat eine Zulassung der amerikanischen Gesundheitsbehörde FDA“, sagt Kaisers. Ein enormer Vorteil sei, dass der Patient keine Ausfallzeiten habe, im Gegensatz zum Fettabsaugen.


„Wichtig ist, dass man dem Patienten das gesamte Spektrum der Behandlungsoptionen darstellen kann. So gibt es Patienten, die lieber mehrere kleine Eingriffe tolerieren als eine größere Operation. Das gilt besonders für die Körperformung mit Kälte“, ergänzt Prof. Ernst Magnus Noah, Chefarzt der Klinik für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie, Handchirurgie am Roten Kreuz Krankenhaus Kassel und Vorstandsmitglied der VDÄPC. „Sanfte Methoden können von Natur aus nicht die Ergebnisse einer operativen Korrektur erreichen“, sagt Noah. „Dies sollten die Patienten bedenken. Kleinigkeiten lassen sich aber gut verbessern.“


Bereits bekannte schonende Verfahren, sind „Filler“. Dabei werden Falten, etwa mit Hyaluronsäure, unterspritzt. Auch das Nervengift „Botox“ sei eine gute Möglichkeit, Falten verschwinden zu lassen und habe das Messer heute in diesem Bereich weitgehend ersetzt, so Taufig. „Insgesamt greifen plastische Chirurgen heute immer später zum Messer.“ Ein weiterer Trend ist der Einsatz von Eigenfett. „Beim Faltenunterspritzen wird dafür etwa Bauchfett entnommen und unter die Falten zur Unterfütterung gespritzt“, erklärt Kaisers. Dabei spielen auch die im transplantierten Fett enthaltenen Stammzellen eine fördernde Rolle.


Ernst Magnus Noah geht davon aus, dass kosmetische Verfahren wie Peelings in Kombination mit Operationen zunehmen werden, um ein optimales Ergebnis zu erzielen: „Es reicht bei einer von der Sonne geschädigten Haut nicht aus, nur ein Facelift zu machen, erst ein zusätzliches Peeling lässt das Ergebnis natürlich aussehen.“ Die Zusammenarbeit mit Dermatologen sei deshalb sinnvoll. Für seinen Kollegen Kaisers liegt in den nicht-invasiven  Verfahren die Zukunft der ästhetisch-plastischen Medizin: „Schonende Verfahren sind die Zukunft. Das Skalpell wird seltener zum Einsatz kommen und die Zahl der Methoden, die keine Verletzung verursachen, wird zunehmen.“