»Klinische Fortschritte sind nur mit Grundlagenforschung zu erreichen«

März 2019 | Die Zeit | Zukunft Medizin

»Klinische Fortschritte sind nur mit Grundlagenforschung zu erreichen«

Krankenversorgung, Forschung und Lehre unter einem Dach – so gelingt der Transfer neuer Erkenntnisse.

Interview mit (v. l. n. r.): Prof. Dr. Michael Hölzel, Direktor des Instituts für Experimentelle Onkologie, Prof. Dr. Ingo Schmidt-Wolf, Ärztlicher Leiter des CIO Bonn, und Prof. Dr. Peter Brossart, Direktor und Vorstandsvorsitzender des CIO Bonn
Centrum für Integrierte Onkologie - CIO Bonn / Universitätsklinikum Bonn / Unternehmensbeitrag

Herr Prof. Brossart, „Gemeinsam gegen den Krebs – Gemeinsam für das Leben“ lautet die Vision des CIO Bonn. Dafür können Sie auf Spezialisten aus 51 Abteilungen des Universitätsklinikums zurückgreifen. Braucht es heute tatsächlich eine so breite Front im Kampf gegen den Krebs?
Wenn man seinen Patienten die bestmögliche Behandlung und Betreuung zukommen lassen will, braucht es diese breite interdisziplinäre Kompetenz. Diagnostik und Therapie sind heute deutlich komplexer. Darüber hinaus sollte ein ganzheitlicher Ansatz viele weitere Aspekte berücksichtigen, wie etwa Ernährung, Sozialmedizin, die frühe Einbindung der Palliativmedizin oder Psychoonkologie. Denn neben einer guten Diagnostik und dem Zugang zu innovativen Therapien ist auch das Allgemeinbefinden der Patienten ein wichtiges Kriterium für den Therapieerfolg. Am Universitätsklinikum Bonn kommen die neuesten Forschungsergebnisse den an Krebs Erkrankten zugute.

 

Herr Prof. Schmidt-Wolf, der Kollege sprach den ganzheitlichen Ansatz an. Wie wichtig ist der mit Blick auf personalisierte Therapien?
Zum Glück stehen uns heute in der Onkologie eine Vielzahl an Diagnose- und Therapieverfahren zur Verfügung. Allerdings gilt es daher auch, besonders sorgfältig auszuwählen, welche Möglichkeiten die richtigen sind. Eine molekulare Testung des Tumors ist dabei zunehmend von Bedeutung. Ein ganzheitlicher Ansatz ist dann unbedingt nötig – ebenso wie ein interdisziplinärer Blick auf den Patienten, wie wir ihn beispielsweise innerhalb unserer multidisziplinären molekularen Tumorboards, den Fallbesprechungen, umsetzen. Tumorboards sind interdisziplinäre Konferenzen, in denen unsere Experten aus den verschiedenen Fachdisziplinen zusammenkommen und gemeinsam für jeden vorgestellten Patienten die individuell beste und neueste Therapieempfehlung beschließen.


Herr Prof. Hölzel, die Diagnostik ist entscheidend für die richtige Therapie. Gehören klinischer Alltag und Forschung daher unbedingt zusammen?
Klinik und Forschung gehören unbedingt eng verbunden, wie unsere tägliche Arbeit am CIO bestätigt. Es ist wie ein gut funktionierender Kreislauf, in dem sich die verschiedenen Bereiche gegenseitig befruchten. Die Forschung braucht die Praxiserfahrungen aus der Klinik, um innovative Therapien entwickeln zu können. Ebenso sind klinische Fortschritte nur mit Grundlagenforschung zu erreichen. Interdisziplinarität wird am CIO daher auch in der Forschung großgeschrieben. Gerade für die Fortentwicklung der Krebsimmuntherapie kommt uns die wissenschaftliche Stärke unseres Exzellenzclusters ImmunoSensation zugute. Für die Immuntherapie in der Krebsbehandlung wurde der letzte Nobel-Preis für Medizin verliehen, und in diesem Gebiet hat das Universitätsklinikum Bonn einen besonderen Schwerpunkt.

 

Herr Prof. Schmidt-Wolf, wie gelingt es, onkologische Versorgung, Forschung und Lehre zu koordinieren?
Kommunikation und Austausch sind entscheidend. Wir organisieren den Austausch gezielt zentral über die Geschäftsstelle des CIO Bonn. Die Personalunion aus Versorgung, Forschung und Lehre, welche die meisten unserer Professoren/innen innehaben, ist dabei eine große Stütze.

 

Herr Prof. Brossart, hilft diese enge Verzahnung, neue Forschungserkenntnisse schneller zum Patienten zu bringen?
Ich denke, das unterstreichen die über 300 Studien, die wir am CIO jährlich durchführen. Wir versorgen gemeinsam mit unseren Kooperationspartnern der Standorte Aachen, Köln und Düsseldorf etwa 70.000 Patienten pro Jahr, sodass wir ganz andere Möglichkeiten haben, Phase I und II Studien umzusetzen. Somit bekommen viele unserer Patienten früh Zugang zu noch nicht etablierten Therapien.

 

Herr Prof. Brossart, Sie können nicht alle Patienten behandeln. Wie wichtig ist es, das am CIO erlangte Know-how in die Fläche zu tragen?
Der Wissenstransfer ist für uns eine wichtige Aufgabe, die wir durch zahlreiche Fortbildungsveranstaltungen, Round Table und enge Kooperationen mit umliegenden Kliniken und Praxen umsetzen. Die Kollegen und Patienten können jederzeit eine Zweitmeinung in unseren Spezialambulanzen und Sprechstunden einholen oder einen Fall im Rahmen unserer multidisziplinären Tumorboards vorstellen. Wir unterstützen sie in vielen Fällen auch bei der Diagnostik oder der Kommunikation mit den Krankenkassen.

 

 

Der Patient im Mittelpunkt


Krebs ist nicht gleich Krebs. Entsprechend individuell werden Diagnostik und Therapie am CIO Bonn auf die Patienten zugeschnitten.

 

Die über 50 Abteilungen des Universitätsklinikums Bonn, die gemeinsam an der Versorgung von onkologischen Patienten beteiligt sind, bilden das CIO Bonn. Seit 12 Jahren zählt das Centrum für Integrierte Onkologie, kurz CIO, in Bonn – gemeinsam mit dem Standort Köln und seit letztem Jahr zusätzlich mit den universitären Standorten Aachen und Düsseldorf – zu den bundesweit nur 13 onkologischen Spitzenzentren der Deutschen Krebshilfe. Spitzenzentrum bedeutet dabei vor allem Zugang zu erstklassigen Krebstherapien sowie umfassenden Forschungsaktivitäten. In Bonn steht darüber hinaus seit dem Start dieses sogenannten Comprehensive Cancer Centers in erster Linie der Patient im Mittelpunkt. Ein Beispiel sind die insgesamt 15 wöchentlich stattfindenden Tumorboards, in denen jeder onkologische Patient und jede Patientin ebenso individuell besprochen wird, wie die möglichen Diagnostik- und Therapieoptionen. Auf dieser Basis wird dann das weitere Vorgehen eruiert – im persönlichen Gespräch und gemeinsam mit den Patienten. „Für uns ist wichtig, dass der Patient Entscheidungen mittrifft. Das gehört zu unserem ganzheitlichen Ansatz“, betont Prof. Schmidt-Wolf, dessen Aufgabe es als Ärztlicher Leiter des CIO Bonn unter anderem ist, die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Versorgung, Forschung und Lehre zu koordinieren. Aus der immun-onkologischen Forschung in Bonn wurde zusammen mit Münchner Kollegen auch ein Therapieansatz entwickelt, der von einer Pharma-Firma als innovatives Medikament verfügbar gemacht wird.

 

Ein ganzheitlicher Ansatz bedeutet am CIO Bonn zudem, dass auch weitere, für das Wohlbefinden der Patienten wichtige Komponenten wie die Ernährung, Bewegung, Psychoonkologie aber auch Selbsthilfe mit in die Therapie einbezogen werden. So sorgen beispielsweise die sogenannten CIO Lotsen dafür, dass sich sowohl Patienten als auch ihre Angehörigen am Klinikum zurechtfinden. Sie stehen während der oft lang dauernden Therapie mit Rat und Tat zur Seite. Jeder Lotse begleitet etwa fünf Patienten pro Tag, sodass die erfahrenen Krankenpfleger sich individuell Zeit für Fragen, Nöte und Sorgen nehmen können. „Als interdisziplinär ausgerichtetes Krebszentrum haben Patienten bei uns Zugang zum Know-how und der Erfahrung zahlreicher Spezialisten aus Versorgung und Forschung. Dennoch ist es wichtig, dass am Ende ein Ansprechpartner dieses Wissen für die Patienten zusammenführt“, betont Prof. Bossart, Direktor und Vorstandsvorsitzender des CIO Bonn.

 

Wie umfassend man die Interdisziplinarität am CIO tatsächlich versteht, unterstreicht Prof. Hölzel, Direktor des Instituts für Experimentelle Onkologie: „Insbesondere in der Grundlagenforschung können wir auf ein breites Wissen der verschiedenen Bereiche zurückgreifen – und das weit über die Biowissenschaften hinaus.“ Worauf Hölzel anspielt, sind beispielsweise Bioinformatiker und Mathematiker, die daran arbeiten, die Buzzwords unserer Zeit wie künstliche Intelligenz oder Big Data zielführend auch für die Tumordiagnostik zu nutzen. Aus der immun-onkologischen Forschung in Bonn entwickelte sich zusammen mit Kollegen in München auch ein Therapieansatz, der jetzt von einer internationalen Pharma-Firma mit einem innovativen Medikament verfügbar gemacht wird.

 

Insgesamt muss man betonen, dass die Versorgung von Krebspatienten in Deutschland sehr gut ist. Aber gerade die enge Verzahnung von Versorgung, Forschung und Lehre an einem Spitzenzentrum wie dem CIO Bonn bietet natürlich noch einmal ganz andere Möglichkeiten – mit Blick auf die Diagnostik, die Teilnahme an Studien oder dem Einsatz innovativer Therapiemöglichkeiten. Entsprechend unterstützen die Kollegen und Kolleginnen des CIO Bonn niedergelassene Ärzte, Kliniken und Patienten der Region mit ihrem Wissen. Beispielsweise findet am Samstag, den 31. August der jährliche CIO-Krebs-Informationstag mit diversen Vorträgen im Kurfürstlichen Schloss in Bonn statt, zu dem Betroffene, Angehörige, Studierende, Ärzte, Pflegekräfte und Interessierte aus der Bevölkerung gleichermaßen herzlich eingeladen sind; die Teilnahme ist kostenlos.

 

 

www.ukb.uni-bonn.de

www.ciobonn.de