»Führungskräfte sollten eine Vertrauenskultur entwickeln.«

März 2019 | Die Zeit | Zukunft Medizin
Forum der Akteure
Sechs wichtige Branchenverbände äußern sich zu den zentralen Herausforderungen und Entwicklungen des Gesundheitsmarktes der Zukunft.
März 2019 | Die Zeit | Zukunft Medizin

»Führungskräfte sollten eine Vertrauenskultur entwickeln.«

Fredi Lang / Diplom-Psychologe MPH Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen e. V. (BDP)

Stress, Burnout und Zukunftsängste steigen im Kontext der Digitalisierung und Globalisierung weiter. Home Office und andere Formen flexibler Arbeit bieten dabei Chancen und Risiken zugleich. Mehr Selbstbestimmung und flexible Gestaltung für die Vereinbarkeit von Familie und Pflege werden häufig gewünscht, gehen aber mit Entwicklungsaufgaben einher. So steigen Anforderungen an Selbstmanagementfähigkeiten der Beschäftigten und an die (Führungs-) Kultur in Unternehmen. Im Zusammenhang mit flexibler Arbeit bringen zeitliche, räumliche und soziale Entgrenzungen neue Belastungen mit sich. Neben Arbeitsverdichtung und steigender Komplexität werden zukünftig der Umgang mit Entgrenzung, Identifikationsprozessen, Leistungsmotivation und Gratifikationen zu Kernaufgaben in Unternehmen.


Die in Studien ermittelte Tendenz zu unbezahlter Mehrarbeit im Home Office, die Ängste bezüglich der Beurteilung der Leistung, die geringe soziale Rückbindung und ausbleibende persönliche Wertschätzung müssen von den Beschäftigten kompensiert werden. Führungskräfte sollten daher eine Vertrauenskultur entwickeln und die Beschäftigten in ihren Zeit- und Selbstmanagementkompetenzen stärken.


Dabei können auch Apps zur Stressbewältigung oder Entspannung Nutzen stiften. In Technik und Wirtschaft sind zwar gewisse Fehlergrenzen und Abstriche in Prozess- und Ergebnisqualität üblich, im Gesundheitswesen und im Arbeitsschutz jedoch nicht. Bei der technikgetriebenen Entwicklung von Apps wird der Schwerpunkt häufig auf Funktionalität und Marketing gelegt, während fachliche Qualitätsmaßstabstäbe, ethische Aspekte und solche des Datenschutzes häufig vernachlässigt bleiben. Bei sehr vielen digitalen Gesundheitsangeboten bedarf es noch konkreter Nachweise der Effektivität und Unschädlichkeit.


www.bdp-verband.de

März 2019 | Die Zeit | Zukunft Medizin

»Die Digitalisierung der Medizin ist in vollem Gang.«

Achim Berg / Präsident Bundesverband Informationswirtschaft Telekommunikation und neue Medien e. V. (Bitkom)

Deutschland hinkt in der Digitalisierung des Gesundheitswesens im Vergleich zu anderen Ländern hinterher. Während europäische Nachbarn wie Frankreich und mehrere skandinavische Länder demonstrieren, wie digitale Arztbesuche die medizinische Versorgung ergänzen können, schaffen es digitale Lösungen in Deutschland nur selten über den Status von Modellprojekten oder Selektivverträgen hinaus.


Dabei können telemedizinische Ansätze einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dem Anspruch der Versorgungsgleichheit etwa zwischen Stadt und Land gerecht zu werden. Gleichzeitig kann dank Telematik die Spitzenmedizin auf ein neues Niveau gehoben werden, zum Beispiel wenn sich ein spezialisierter Arzt aus der Ferne dazuschaltet, um bei einer schwierigen Operation die Kollegen vor Ort zu unterstützen. Das sind Szenarien, die heute noch weit entfernt scheinen, doch die Digitalisierung der Medizin und des Gesundheitswesens ist in vollem Gange – und der Großteil der Deutschen zeigt sich der Entwicklung gegenüber aufgeschlossen. Die Mehrheit befürwortet die elektronische Patientenakte und kauft online Medikamente. Viele haben ihren Fitness- und Gesundheitsberater am Handgelenk dabei. Auch Ärzte zeigen sich offen: Sieben von zehn begreifen den Wandel als Chance für die Gesundheitsversorgung.


Dem großen Interesse an einer auch digitalen medizinischen Versorgung muss jetzt entsprochen werden. Perspektivisch wird eine umfassende Betreuung von Patienten nur noch mit digitaler Unterstützung funktionieren.

 

 

 

www.bitkom.org

März 2019 | Die Zeit | Zukunft Medizin

»Künstliche Intelligenz kann Ärzte unterstützen.«

Joachim M. Schmitt / Geschäftsführer und Vorstandsmitglied Bundesverband Medizintechnologie (BVMed)

Die Menschen in Deutschland werden immer älter. Die Forscher und Entwickler in der Medizintechnik-Branche arbeiten täglich daran, dass die Menschen nicht nur länger leben, sondern auch gesünder älter werden. Den größten Einfluss auf den medizintechnischen Fortschritt hat dabei die Digitalisierung.


Mit neuer, digitaler Medizin ist die Hoffnung verbunden, Krankheiten früher zu erkennen, besser behandeln zu können und die Lebensqualität zu verbessern. Außerdem kann die Digitalisierung Prozesse in der Patientenversorgung optimieren und helfen, Kosten im System zu sparen. Beispiel Telekardiologie: Das Monitoren von Herzschrittmacher-Patienten über sichere Übertragungswege, eine geeignete Software und intelligente Algorithmen erhöht die Patientensicherheit und vermeidet routinemäßige Klinikaufenthalte. Beispiel Ereignisrekorder: Die kontinuierliche Erhebung von EKG-Daten gibt Klarheit über die Ursachen von Herzrhythmusstörungen und verhindert Schlaganfälle. Beispiel Künstliche Intelligenz (KI) in der Medizin: Neue digitale Lösungen unterstützen den Arzt. So kann eine Ganganalyse über in den Schuhen integrierte Bewegungssensoren bessere Vorhersagen über krankheitsspezifische Risiken von Parkinson-Patienten geben. KI unterstützt Radiologen oder Hautärzte bei der Auswertung von Befunden. Beispiel Virtual Reality: Eine KI-basierte Software stellt MRT-Aufnahmen dreidimensional dar, die der Chirurg dann bei der Operation beispielsweise am Gehirn nutzen kann.


 In der Praxis werden diese neuen digitalen Möglichkeiten aber durch unser langsames und unflexibles Abrechnungssystem behindert. Der BVMed schlägt deshalb einen neuen Versorgungsbereich „Digitale Medizin“ mit einer eigenen Vergütung unabhängig von den bestehenden Versorgungssektoren vor. Damit kann Deutschland ein Vorreiterland im Zeitalter der digitalen Gesundheit werden.


www.bvmed.de

März 2019 | Die Zeit | Zukunft Medizin

»Innovative Krebsmedizin benötigt einen effizienten Wissenstransfer.«

Dr. Johannes Bruns / Generalsekretär der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG)

Bereits 2008 initiierte die damalige Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt mit der Deutschen Krebshilfe, der Deutschen Krebsgesellschaft und der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Tumorzentren den Nationalen Krebsplan – er sollte die Krebsversorgung in Deutschland verbessern. Mehr als zehn Jahre später startete das Bundesforschungsministerium gemeinsam mit dem Bundesgesundheitsministerium und weiteren Partnern die „Nationale Dekade gegen Krebs“. Die Ziele sind ehrgeizig: der Transfer von Forschungsergebnissen in die Krebsversorgung soll schneller werden und die Rate der Krebsneuerkrankungen sinken.


Tatsächlich gelangen neue Forschungsergebnisse derzeit oft nur schleppend in die Regelversorgung der gesetzlichen Krankenversicherung. Ein Beispiel: Krebspatienten, die einen innovativen genetischen Test für die Auswahl der bestmöglichen Therapie benötigen, bekommen diesen nur erstattet, wenn sie der richtigen Krankenkasse angehören.


Woran liegt das? Die Studien, die zum Zeitpunkt der Marktzulassung vorliegen, sind als Grundlage für die Entscheidung über eine Übernahme in den GKV-Regelleistungskatalog oft nicht ausreichend. Wir brauchen dringend mehr Forschung nach der Zulassung einer Therapie und die entsprechenden Prozesse, um diese Ergebnisse nutzbar zu machen. Einen Ansatz dazu bietet das Konzept der wissengenerierenden onkologischen Versorgung, das die Deutsche Krebsgesellschaft gemeinsam mit Vertretern aus Politik und Organisationen im Gesundheitswesen entwickelt hat. Es ermöglicht Patienten den raschen und dennoch sicheren Zugang zu medizinischen Innovationen – in einem Setting, das die konsequente Sammlung von Anwendungsdaten erlaubt. Die Auswertung dieser Daten würde den Wissenstransfer von der Forschung in die Versorgung erheblich vereinfachen.

 

www.krebsgesellschaft.de

März 2019 | Die Zeit | Zukunft Medizin

»Es gibt nicht das eine beste Medikament gegen eine Krankheit.«

Dr. Siegfried Throm / Geschäftsführer Forschung des Verbands der forschenden Pharma- Unternehmen (vfa)

In Zukunft wird die Medizin noch wesentlich besser auf jeden Patienten abgestimmt sein als heute. Forschungsinstitute und forschende Pharma-Unternehmen arbeiten darauf hin, so eine „Personalisierte Medizin“ in möglichst vielen Gebieten zu verwirklichen. Praktizierende Ärzte wissen, dass es gegen eine Krankheit nicht immer „das eine beste Medikament“ gibt, sondern dass für jeden Betroffenen eine jeweils andere Substanz das Beste sein kann. Diese zu ermitteln erfordert oft Versuch und Irrtum. Aber bei mittlerweile 65 Medikamenten können Ärzte für ihre Verordnungsentscheidungen auch spezielle Vortests einsetzen (Liste unter www.vfa.de/personalisiert). Diese geben Hinweise, ob das vorgesehene Medikament bei dem betreffenden Patienten überhaupt und wenn ja in welcher Dosierung wirksam und gut verträglich ist oder ob es sich in diesem Fall nicht eignet. Fehlversuche werden eingespart.


 Am weitesten verbreitet ist die personalisierte Therapieplanung in der Onkologie – hier werden sogar mitunter individuelle Medikamente für einen Patienten hergestellt. Zunehmend spielt sie aber auch anderweitig eine Rolle, zum Beispiel  für HIV-Infizierte oder Patienten mit Erbkrankheiten oder bestimmten Herz-Kreislauf-Beschwerden, Epilepsie oder Schizophrenie.


 Die Bundesregierung hat zu Recht „Personalisierte Medizin“ in ihrem Rahmenprogramm Gesundheitsforschung priorisiert. Die forschenden Pharma-Unternehmen wirken hierbei aktiv mit: Sie untersuchen bei etwa 40 Prozent ihrer neuen Medikamente die Möglichkeit einer personalisierten Anwendung. Auch wenn das nicht jedes Mal greifbare Ergebnisse liefert: Immerhin stehen schon wieder neun Medikamente für die Personalisierte Medizin vor der Zulassung oder der Markteinführung. Die „Personalisierung“ der Medizin schreitet voran.


www.vfa.de

März 2019 | Die Zeit | Zukunft Medizin

»Die Zukunft der Kardiologie liegt in der Individualisierung der Behandlungswege.«

Prof. Dr. Hugo A. Katus / Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie – Herz- und Kreislaufforschung e. V. (DGK)

ie Fortschritte in der Erkennung und Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind sehr beeindruckend: mit immer kleineren und leistungsfähigeren Implantaten, Kathetern und Stents können wir unsere Patienten heute weitaus schonender und erfolgreicher behandeln als noch vor zehn Jahren. Für häufige und fatale Erkrankungen wie die Herzinsuffizienz stehen neue, sehr effektive Medikamente zur Verfügung. Verbesserte Strukturen, beispielsweise in Herzinfarkt-Netzwerken, ermöglichen eine noch raschere Behandlung als zuvor. Die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie konnte in Deutschland inzwischen viele solcher Behandlungsstrukturen mit hohen einheitlichen Standards für unterschiedliche Herzkrankheiten etablieren.


Und dennoch: In jedem Jahr werden über 1,7 Millionen Patienten wegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen in deutschen Krankenhäusern behandelt. Trotz der hervorragenden Fortschritte in der Forschung sind daher Herzerkrankungen noch immer Todesursache Nr. 1. Viele unserer Erfolge werden durch einen ungesunden Lebensstil neutralisiert. Häufig aber sind Herzerkrankungen unvermeidlich und genetisch verankert. Durch einen gesunden Lebensstil können sie hinausgezögert oder gelindert, nicht aber vermieden werden.


Die Zukunft der Kardiologie muss also in der Individualisierung der Behandlungswege liegen. Nicht jede Herzinsuffizienz hat die gleichen Ursachen und beileibe nicht jeder Herzinfarkt verläuft wie der andere. So unterschiedlich wie die Patienten sind auch die Ursachen und Verläufe der Herzkrankheiten. Hierdurch können wir präzisier, genauer und erfolgreicher diagnostizieren und behandeln. Erste Schritte in die richtige Richtung sind getan, doch weitere Forschung auf diesem Gebiet ist dringend notwendig, damit wir auch künftig Verbesserungen in der Versorgung von Patienten mit Herzerkrankungen erreichen können.

 

www.dgk.org