März 2018 | Die Zeit | Zukunft Medizin

Denken gegen Demenz

Die Zahl der Menschen, die an Demenz und ihrer häufigsten Form Alzheimer erkranken, nimmt zu. Sie steigt aber nicht so schnell wie befürchtet.

Illustration: Juliana Toro Suarez
Mirko Heinemann / Redaktion

Die Ergebnisse der „Einstein Aging Study“ waren eine Überraschung für die Medizin. Für das Projekt des Albert Einstein College of Medicine in New York werden seit 1993 regelmäßig Personen über 70 Jahre aus dem Bezirk Bronx angeschrieben und zur Teilnahme aufgefordert. Die Senioren erhalten eine ausführliche neuropsychologische Eingangsuntersuchung und werden jährlich auf das Entstehen einer Demenz hin untersucht. Zugleich werden Daten über Herzinfarkte, Schlaganfälle und Diabetes erhoben.

Auf Basis der Daten erstellte die Wissenschaftlerin Dr. Carol Derby eine Studie, die sie 2017 veröffentlichte. Das Ergebnis in Kürze: Die Studie deutet darauf hin, dass sich besonders in den Geburtsjahrgängen nach 1925 die statistische Wahrscheinlichkeit einer Demenz verringert. Unter den Untersuchten erkrankten die später Geborenen in einem vergleichbaren Alter seltener an einer Demenz als die früheren Jahrgänge.  

Es ist nicht der erste Hinweis in jüngerer Zeit, der nahegelegt, dass der Anstieg der Demenzzahlen nicht so rasant verlaufen wird wie bislang befürchtet. „Mehrere große europäische und US-amerikanische Studien konnten bislang relativ konsistent einen Rückgang der altersadjustierten Demenzinzidenz feststellen“, so schrieb es die Ärzte-Zeitung. 2012 berichtete sie über die sogenannte „Rotterdam-Studie“ aus den Niederlanden. In dieser Studie wurden kognitiv gesunde Menschen über 55 Jahre in zwei Gruppen ab den Jahren 1990 und 2000 auf Demenz hin untersucht. Ergebnis: Die sogenannte „altersadjustierte Demenzinzidenz“, also der Demenzgrad in der jeweiligen Altersgruppe, war gesunken: Im Jahr 1990 waren es 6,6 pro 1000 Teilnehmer, zehn Jahre später 4,9 pro 1000 Teilnehmer. Zudem war die Sterberate in allen Altersgruppen gesunken, im Schnitt um 37 Prozent. Obwohl die Menschen in der 2000er Gruppe also länger lebten, bekamen sie seltener eine Demenz. Erwarten würde man das Gegenteil.

Nach aktuellen Schätzungen leben heute rund 1,3 Millionen Menschen mit Demenz in Deutschland.  Bis 2050, so Schätzungen des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, wird sich die Zahl aufgrund der demografischen Entwicklung mehr als verdoppeln. Studien wie die aus New York oder aus Rotterdam dämpfen die Angst über den abzusehenden Anstieg der Demenzzahlen. Sie geben aber keinen Hinweis darauf, warum die Steigerung nicht in dem Ausmaß erfolgt wie befürchtet. Die Wissenschaft steht vor einem Rätsel.

Häufigste Form der Demenz ist die Alzheimersche Krankheit. Dabei wird im Gehirn zu wenig Acetylcholin produziert. Dieser Überträgerstoff ist notwendig für die Signalverarbeitung. Eine wichtige Rolle bei der Entwicklung einer Demenz spielt auch der Neurotransmitter Glutamat, der zwei Drittel der Nervenzellen steuert. Beim gesunden Menschen sorgt Glutamat dafür, dass Lern- und Gedächtnisvorgänge stattfinden können. Bei Patienten mit Demenz ist die Glutamatkonzentration zwischen den Nervenzellen anhaltend erhöht, die Nervenzellen werden quasi dauererregt. Dadurch können Signale nicht mehr richtig erkannt und weitergeleitet werden. Schließlich kann die Nervenzelle der ständigen Überreizung nicht mehr standhalten, verliert ihre Funktionsfähigkeit und stirbt letztlich ab.

Warum genau die Nervenzellen außer Kontrolle geraten und sich selbst schädigen, war bislang unklar. Vor wenigen Monaten konnte Olga Garaschuk vom Institut für Physiologie der Universität Tübingen die Rolle von Kalzium in dieser neuronalen Hyperaktivität im Mausmodell aufklären. Kalzium spielt eine wichtige Rolle bei der Freisetzung von Botenstoffen, den Neurotransmittern. Geraten die Kalziumspeicher außer Kontrolle, wird eine größere Menge an Neurotransmittern in der Großhirnrinde freigesetzt. Das führe zur Hyperaktivität der Nervenzellen, so Garaschuk. Wirkstoffe, welche die Kalziumspeicher in der Zelle entleeren oder die Freisetzung von Kalzium aus dem Speicher blockieren, unterdrücken die krankhafte Hyperaktivität. Diese Ergebnisse könnten zu neuen Therapieansätzen führen.

Das ist Zukunftsmusik, die Alzheimer-Krankheit ist bisher nicht heilbar. Noch ist die Forschung ein Flickenteppich – es gibt keinen Gesamtüberblick. Gemeinhin werden Faktoren benannt, die den Ausbruch der Erkrankung verhindern oder zumindest verzögern können. Die Studienlage ist zwar dürftig, aber gewisse Zusammenhänge konnten bereits nachgewiesen werden. So scheint etwa regelmäßiger Konsum von Obst und Gemüse dazu beizutragen, die geistige Leistungsfähigkeit im Alter zu erhalten. Eine Studie aus dem Jahr 2005 konnte belegen, dass betagte Frauen durch vermehrten Gemüsekonsum ein reduziertes Risiko für kognitive Beeinträchtigungen haben. Auch ältere Studien berichteten über einen positiven Einfluss von Obst und Gemüse auf die Gehirnleistung älterer Menschen.

Eine ältere Studie der TU München, die unter 442 Klosterschwestern der Kongregation „Arme Schulschwestern von Unserer Lieben Frau“ durchgeführt wurde, ergab zudem Hinweise darauf, dass der Bildungsgrad mit dem Auftreten einer Demenz einherging. Schwestern, die schlechtere Bildung genossen hatten und eine niedrige Position im Kloster innehatten, erkrankten danach häufiger an Demenz als ihre Mitschwestern. Studien in klösterlichen Lebensgemeinschaften sind deshalb so aussagekräftig, weil Ernährung wie Lebensstil der Untersuchten sich stark ähneln und somit als Einflussfaktoren ausscheiden.

Hilft Bildung, hilft Denken also gegen Demenz? Klar ist: Geistige Fitness kann vor Alzheimer schützen. Mentale Herausforderungen, Kommunikation mit anderen und Geselligkeit halten geistig fit. Wer viel allein ist, hat ein doppelt so großes Alzheimer-Risiko, als jemand mit viel sozialem Austausch. Regelmäßige Treffen mit Freunden, Bekannten und der Familie, offen bleiben für neue Begegnungen und neue Erfahrungen, gemeinsames Kochen, Kartenspielen, Musizieren oder Sporttreiben, privat, im Verein oder in der Volkshochschule – all das beugt Alzheimer vor.