Februar 2017 | Die Zeit | Zukunft Medizin

Ach, Spiegel unserer Seele!

Wenn es demnächst warm wird, werden wir den Frühling am ganzen Körper spüren können. Dank unseres größten Sinnesorgans. Eine Würdigung der Epidermis.

Illustration: Theresa Schwietzer
Jürgen W. Heidtmann / Redaktion

Menschliche Haut ist etwas Wunderbares. Das erfährt in der Science Fiction-Serie „Star Strek“ der Android namens Data, als ihm ein Stück Haut implantiert wird. Sein Gegenüber, eine fiese Königin des halborganischen Robotervolkes Borg, will ihn mit dieser Errungenschaft überreden, in ihre Dienste zu treten. Als sie auf das Stück Haut pustet, gerät der Android in Verzückung.

Die Haut ist das größte Organ des Menschen. Wahrscheinlich auch das schönste. Zumal sie entscheidenden Einfluss auf das äußere Erscheinungsbild eines Menschen hat. Außerdem ist sie das Organ, durch das wir äußere Einflüsse direkt wahrnehmen, also fühlen: Kälte, Wärme, Berührungen, auch Schmerzen. Um auf das Erlebnis des Androiden Data zurückzukommen: Nichts gleicht dem ersten warmen Windhauch im Frühling, der über die nackte Haut streicht.

Die Haut ist zugleich Sinnesorgan und Schutz vor äußeren Einflüssen. Was wir von anderen Menschen als erstes sehen, ist ihre Oberhaut, auch Epidermis genannt. Sie ist die oberste Hautschicht und kann bis zu vier Millimeter dick werden. Fünf Schichten hat allein die Oberhaut, darunter folgen drei weitere Hautschichten. Ganz dünn ist die Außenhaut, sie besteht nur aus drei Schichten von abgestorbenen Zellen. Sie werden fortlaufend ersetzt. Der Mensch bekommt alle 27 Tage eine völlig neue Außenhaut. Ansonsten besteht die Epidermis aus lebenden Zellen, die Hornstoff produzieren, das Keratin. Das Keratin ist wasserabweisend und verleiht der Haut Festigkeit.

Wenn die Strahlen der Sonne stärker auf die Haut scheinen, wechselt die Haut ihre Farbe. Sie wird dunkler. Das bewerkstelligen so genannte Melanozyten, die in der Oberhaut stecken. Diese Zellen produzieren das Pigment Melanin, das die Haut bräunt. Damit werden die gefährlichen UV-Strahlen aufgehalten, sodass sie nicht in tiefere Hautschichten vordringen können. Ist die Strahlung der Sonne sehr stark, kann sie die Melanozyten schädigen. Sie können sich in Tumorzellen verwandeln. Hautkrebs droht. Gerade in den ersten warmen Tagen im Frühling ist daher Sonnenschutz in besonderem Maß angeraten. Denn die Haut ist durch den langen Winter unvorbereitet und muss erst ihre Melanin-Produktion ankurbeln. Zugleich steht die Sonne Anfang bis Mitte März bereits so hoch wie Ende August, in der oft klaren, kalten Luft werden ihre Strahlen noch weniger gefiltert als im Sommer.

Wie aber kommt es, dass wir durch die Haut Temperatur fühlen können? Dafür zuständig sind die Rezeptoren. Es gibt verschiedene Rezeptoren für den Tastsinn, für Wärme und Schmerz. Das sind wundersame Sinneszellen, die mechanische Kräfte in Nervenerregung umwandeln. Sie heißen Meissner-Tastkörperchen, Ruffinische Endorgane oder Krausesche Endkolben und reagieren auf Berührungen, auf Wärme und auf Kälte. Den Schmerz hingegen transportieren bis zu vier Millionen freie Nervenenden, die sich ganz nah an der Hautoberfläche befinden. Auf einem Quadratzentimeter Haut liegen etwa 200 Schmerzpunkte, zwei Wärmepunkte und 13 Kältepunkte.

Dazu kommen die Haare: Außer an Handflächen, Fußsohlen und Lippen wachsen am gesamten menschlichen Körper Haare. An den meisten Stellen sind feine, kurze Flaumhaare ausgebildet, die wie Fingernägel aus totem Keratin-Gewebe bestehen. Sie werden in röhrenartigen Einbuchtungen der Haut, den Follikeln, gebildet. In jedem Haarfollikel sitzt eine Talgdrüse. Das von ihr produzierte Fett hält das Haar geschmeidig. Winzige Muskeln unterhalb der Haarfollikel ziehen sich zusammen, wenn es kalt wird. Uns stehen dann „die Haare zu Berge".

Sollte es wider Erwarten in den nächsten Tagen recht warm werden, beginnt die Haut eine salzhaltige Flüssigkeit abzusondern: Schweiß. Diese Funktion der Haut hilft dem Menschen, seine Körptertemperatur bei etwa 37 Grad Celsius zu halten. Während Wechselblüter, zu denen die Reptilien zählen, mit der Außentemperatur auch ihre Körpertemperatur verändern, muss der Mensch ein aufwändiges Heizungs- und Kühlungssystem in Betrieb halten. Bei Kälte beginnen Muskeln zu zittern, bei Hitze produzieren bis zu vier Millionen Schweißdrüsen bis zu zehn Liter Wasser pro Tag, das mit Salzen, Mineralen, Fettsäuren, Eiweißen sowie Spuren von Ammoniak und Harnstoff versetzt ist. Der Schweiß erzeugt bei seiner Verdunstung auf der Haut Kälte, und so wird die Körpertemperatur gesenkt. Eiweiße, die auf der Haut zurückbleiben, vertilgen Bakterien, die auf der menschlichen Haut leben. Ihre Ausscheidungen sorgen für den typischen Schweißgeruch.

Die Haut kann aber nicht nur Einflüsse abwehren, sondern auch aufnehmen. Durch die engen Röhrchen, die Haarfollikel, können Stoffe in tiefere Hautschichten vordringen. Auch durch Verletzungen können fremde Substanzen direkt an den winzigen Hautrissen in den Körper eindringen. Für einige Medikamente ist eine Aufnahme der Inhaltstoffe über die Haut ins Blut nachgewiesen worden. So können also Substanzen, die auf die Hautoberfläche aufgetragen werden, in den Organismus eindringen und zu den inneren Organen gelangen. Oder Umwelteinflüsse ihre schädlichen Wirkungen im Körper entfalten.   

Die Haut zeigt, wie wir uns fühlen. Außer Haare zu sträuben, kann die Haut auch erblassen oder erröten und so Gefühlsregungen anzeigen. Deshalb wird sie auch als „Spiegel der Seele“ bezeichnet. Über Duftstoffe, die Pheromone genannt werden, sendet die Haut außerdem Geruchsbotschaften. Vor drei Jahren konnte ein chinesisch-amerikanisches Forscherteam von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Peking nachweisen, dass gewisse Pheromone beim Menschen auch sexuell wirken. Dass Düfte der Kommunikation dienen, ist schon lange bekannt. Schon viele haben versucht, mit synthetischen Mitteln Düfte herzustellen, die bestimmte Wirkungen erzielen. Davon erzählt der Bestseller „Das Parfum“ von Patrick Süskind. Doch das Buch ist Phantasie. Das Original bleibt unerreicht.