Die Vermessung des Selbst

Mai 2015 | Die Welt | Sport & Ernährung

Die Vermessung des Selbst

Lifelogging nennt sich der Trend, biometrische Daten über Apps zu sammeln und auszuwerten. Wie ausgereift sind solche Systeme schon heute? Und was darf man in Zukunft erwarten?

Klaus Lüber / Redaktion

Auf dem Display einer Apple Watch mit schickem blauen Kunststoffarmband, offenbar die Sport-Ausführung, läuft ein Countdown rückwärts. 57 Jahre, 11 Monate, 2 Tage, 14 Stunden und 20 Minuten, 19 Minuten und 59 Sekunden, 58 Sekunden, 57 Sekunden, immer weiter im Sekundentakt. Es ist Lebenszeit, die hier verrinnt, errechnet von einer App.

 

Wir befinden uns auf der Website des Programmes Life Clock. „Zu wissen, wie lange Sie noch leben, hilft Ihnen, mehr aus Ihrem Leben zu machen“, heißt es sinngemäß über dem Bild der Apple Watch, auf dem immer noch unaufhaltsam der Timer rückwärts zählt. Und das soll so funktionieren: Über die Sensoren der Smartwatch sammelt das Programm kontinuierlich Daten über das Aktivitätsmuster des Trägers und berechnet die Lebenserwartung immer wieder neu. Eine halbe Stunde Training und schon werden 36 Minuten auf dem Zeitkonto gutgeschrieben. Zu wenig Schlaf - und es gibt 26 Minuten Abzug.

 

Die Idee klingt skurril: Wer möchte schon sein Leben lang um Kontingente auf einem virtuellen Zeitkonto kämpfen? Selbst wenn die Berechnung der eigenen Lebenszeit Hand und Fuß hätte, was man im Augenblick sicher noch bezweifeln darf, und selbst wenn wir dank App genau wüssten, wie das eigene Ableben immer weiter herausgezögert werden kann, ist es doch nur schwer vorstellbar, wie der Alltag im Angesicht einer heruntertickenden Lebensuhr tatsächlich zu einem erfüllteren Leben führen sollte.

 

In Apps wie Life Clock, so könnte man auch sagen, zeigen sich die Widersprüche einer ganzen Branche. Denn die Grundidee, unser Leben zu protokollieren, Daten über unsere körperliche Fitness und unser Wohlbefinden zu sammeln, auszuwerten und daraus Handlungsempfehlungen abzuleiten, „Lifelogging“ zu betreiben, gilt als einer der wichtigsten Technologietrends der Stunde. Kaum ein Experte zweifelt das riesige Potenzial an, das sich aus dem richtigen Umgang mit diesen Daten ergibt: Für die Behandlung von Krankheiten, für die Steigerung körperlicher Fitness, für die Vermeidung psychischer Probleme. Und dennoch steckt die digitale Selbstvermessung noch in den Kinderschuhen. Viele Apps versprechen mehr, als sie halten können, schießen in ihrem Anspruch, Wohlbefinden durch Daten beschreibbar zu machen, über das Ziel hinaus: Eine tickende Lebensuhr motiviert eben im Zweifelsfall nicht nur – sie kann auch genau das Gegenteil bewirken.

 

Stefan Selke ist Professor für Soziologie und gesellschaftlichen Wandel an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Furtwangen. Er hat ein Buch über Lifelogging geschrieben und darin sehr genau heraus gearbeitet, welche gesellschaftlichen Auswirkungen vom Trend zur digitalen Selbstvermessung zu erwarten sind. Im Augenblick, so schreibt Selke, werden wir regelrecht überrannt von Anwendungen zum Selbstmonitoring unseres Lebens. Zum Beispiel durch sogenannte Fitness-Tracker, die über ansteckbare Sensoren Wegstrecken erfassen. Meist stecken die Sensoren in Armbändern, die von den Firmen wie Fitbit, Jawbone oder Nike angeboten werden. Die Bewegungen werden über einen Beschleunigungssensor erkannt und als Schritte oder Stockwerke angezeigt. Ein hinterlegter Algorithmus unterscheidet langsame von schnellen Bewegungen und errechnet daraus ein Bewegungsmuster oder -profil.

 

Auch die Optimierung des Schlafs steht hoch im Kurs. Dabei stehen meist Fragen nach der Schlaf- und Einschlafdauer, der Aufwachhäufigkeit oder dem Schlafrhythmus im Mittelpunkt. Jawbone up und Wakemate sind Anbieter, die digitale Schlafanalysen mittels Lage- und Bewegungssensoren vornehmen. Letztlich ist das Schlafprotokoll also ein nächtliches Bewegungsprotokoll. Manche Apps wecken den Schläfer sogar genau dann, wenn die Schlafphase ein möglichst erholsames Aufwachen erlaubt.

 

Die Selbstoptimierung durch Selbstbeobachtung, so schreibt Selke, ist übrigens keine Erfindung von Apple, Jawbone oder Nike. Kulturtechniken zur Selbstsorge und Selbstaufmerksamkeit gibt es schon seit der Antike. „Schon das Schreiben von Briefen und Tagebüchern war mit der Absicht verbunden, auf objektivierbare Daten zurückgreifen zu können. Schreiben wurde als eine Art Wachsamkeit sich selbst gegenüber aufgefasst.“ 

 

Neu am aktuellen Trend zur Selbstvermessung sei vor allem die Art und Weise, wie Daten erfasst werden. Das Credo der digitalen Selbstvermessung ist das Versprechen von Big Data, so Selke: Wer immer mehr Daten zur Verfügung hat, hofft, aus deren schierer Masse Erkenntnisse ziehen zu können, die ihm sonst verborgen geblieben wären. Nicht mehr das eigene sogenannte Bauchgefühl muss entscheiden, wie oft ich trainiere, was ich esse und wie lange ich schlafe – all das sagen mir die Daten. 

 

Die systematische Erfassung von Gesundheitsdaten ist zu einem Geschäftsfeld geworden, das durchaus ernstzunehmen ist. Erst kürzlich erwarb der US-amerikanische Sportartikelhersteller Under Armour die Ernährungs- und Fitness-Apps MyFitnessPal und Endomondo – für rund eine halbe Milliarde US-Dollar. MyFitnessPal kombiniert das Zählen von Kalorien mit der Aufzeichnung von
Fitness-Aktivitäten und registriert unter anderem zurückgelegte Schritte mit im Smartphone integrierten Sensoren. Die dänische App Endomondo zeichnet Sportaktivitäten auf und soll als Trainer dienen. Beide Apps zählen rund 100 Millionen Mitglieder.

 

Man kann davon ausgehen, dass mit dem Fortschreiten der technischen Entwicklung auch die Anwendungsgebiete der Apps immer vielfältiger werden. Auch wenn viele der aktuell auf dem Markt befindlichen Geräte im Augenblick noch wenig mehr bieten als das Zählen von Schritten und Messen von Puls, tüfteln Entwickler jetzt schon an Apps, die wesentlich mehr können. Smartphones und Smartwatches haben üblicherweise Lage- und Beschleunigungssensoren, GPS und Mikrofone. Ein neues Tool für Parkinson-Patienten zum Beispiel registriert damit Schwankungen beim Gehen und Sprechen oder auch leichtes Zittern beim Bedienen des Touchscreens.

 

Auch Google, so hört man, forscht mit Hochdruck im Bereich der digitalen Selbstvermessung. Mit der dem Konzern eigenen Mischung aus Weltverbesserungseuphorie und Technikverliebtheit gab man vor einigen Monaten bekannt, auch man selbst arbeite an einem Armband. Ein Fitness-Tracker? Ein Schlafoptimierer? Geschenkt. Mit dem Gerät, so ein Sprecher des Forschungsprojektes, werde es möglich sein, Krebszellen zu erkennen, zu zählen und am besten auch noch zu zerstören.