Dezember 2017 | FOCUS | Meine Gesundheit

Produktive Herzmedizin

Moderne Technik, mündige Patienten und bessere Finanzierung – die kardiovaskuläre Forschung in Deutschland befindet sich im Aufwind.

Illustration: Laure Manière
Dr. Ulrike Schupp / Redaktion

Die Herzforschung in Deutschland ist produktiv wie nie und erhielt über die letzten drei Jahrzehnte hinweg immer wieder kräftige Modernisierungsschübe. „Im Jahr 1990 starben von 100.000 Einwohnern Deutschlands noch rund 325 an Herzinsuffizienz oder auch an Erkrankungen wie Angina Pectoris und Infarkt“, erklärt Prof. Hugo Katus, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie. „In knapp einem Vierteljahrhundert sank diese Zahl auf 256 pro 100.000, also um 21 Prozent.“ Für Katus ist dies „ein Trend, der sich auch bei fast allen anderen kardiologischen Erkrankungsformen zeigt, außer bei der Herzinsuffizienz.“ Sind Patientin oder Patient nur schnell genug in der Notaufnahme, endet ein Infarkt heute nur noch selten tödlich. Auch die Reparatur oder der Austausch von Herzklappen gelingt zunehmend ohne belastende chirurgische Eingriffe, bei denen die Herz-Lungen-Maschine zeitweilig die Pumpfunktion des Herzens sowie die Lungenfunktion übernimmt und damit die OP am offenen Herzen erst ermöglicht. Schon jetzt sind 60 Prozent der Eingriffe an den Herzklappen minimal-invasiv. 2009 waren es gerade einmal 20 Prozent.

Viele Patienten, darunter ältere, weniger schwer erkrankte oder auch solche, die eine invasive OP gesundheitlich nur schlecht verkraften würden, profitieren durch moderne Kathetertechniken. Dabei wird ein extrem dünner Kunststoffschlauch über die Blutgefäße der Leiste, der Ellenbogen oder des Handgelenks eingeführt und weiter bis zum Herzen vorgeschoben. Ein Herzkatheder dient der Diagnose koronarer Engpässe. Außerdem kann damit ein verschlossenes Herzkranzgefäß innerhalb von Minuten wieder geöffnet und oft auch gleich mit einer Gefäßstütze, einem Stent, versehen werden. Je schneller das Blutgefäß wieder frei ist, desto besser sind bei einem Infarkt die Überlebenschancen.

Noch neuer ist die Behandlung mit bioresorbierbaren Stents, die nicht ein Leben lang im Köper bleiben. „Der neue Stent besteht aus einer biologisch abbaubaren Magnesiumlegierung, die sich mit der Zeit auf natürliche Weise auflöst. Zugleich wird ein Wirkstoff freigesetzt, der die Gefäßwand an der betroffenen Stelle stärkt. Das verhindert den wiederholten Verschluss des Gefäßes“, erklärt Dr. Stefan Hoffmann, Chefarzt der Kardiologie im Werner Forßmann Krankenhaus in Eberswalde. Erste Studien belegen hier allerdings ein später erhöhtes Auftreten von Stent-Thrombosen, die mit einer Zunahme von Herzinfarkten verbunden waren.

Die deutsche Herzforschung befindet sich gerade generell im Aufwind. Publikationen aus Deutschland rangierten in den letzten zehn Jahren vermehrt sogar unter den Top Ten der kardiovaskulären Forschung. Grund für diesen Erfolg ist nicht zuletzt eine bessere Finanzierung. „Zurzeit beläuft sich die Gesamtförderung der kardiovaskulären Forschung etwa auf 253 Millionen Euro, der Anteil Dritter macht dabei rund 31 Prozent aus,“ erklärte Prof. Dr. Gerd Heusch vom Universitätsklinikum Essen. Gleichzeitig warnte der Mediziner: „Die Gefahr, die von kardiovaskulären Erkrankungen ausgeht, wird leider noch unterschätzt.“ Noch immer lassen sich 40 Prozent aller Sterbefälle in Deutschland auf einen Herzinfarkt oder auf einen Schlaganfall zurückführen.

Und unter Umständen geht manchmal sogar auch der medizinische Fortschritt mit Belastungen und Risiken für den Einzelnen einher, die er möglicherweise wegen seines hohen Alters, der Begleiterkrankungen oder anderen Umstände nicht mehr auf sich nehmen möchte. „Das stellt uns vor ein neues, auch ethisches Problem“, erklärt Prof. Katus. „Nicht immer ist das, was medizinisch und technisch möglich ist, vom betroffenen Patienten notwendigerweise gewünscht.“ Auch die Verantwortung für Risiken aus dem eigenen Lebensstil können Technik und Medizin allein dem Einzelnen nicht abnehmen. Bekannt ist,  dass Rauchen, ein zu hoher Blutdruck, Übergewicht und ein zu hoher Cholesterinspiegel dem Herzen schaden. Zunehmend rücken aber auch „Stress“ und „Bewegungsmangel“ als eigenständige Risikofaktoren in den Blickpunkt. Hier sind schon präventiv individuelle Entspannungs- und moderate Sportprogramme gefragt, zumindest als sinnvolle Ergänzung zu medizinischen Eingriffen und der Einnahme von Medikamenten, die Blutdruck und Cholesterin senken.