»Meiden Sie die Mittagssonne«

Juli 2017 | freundin | Meine Gesundheit

»Meiden Sie die Mittagssonne«

Der Dermatologe Axel Hauschild erklärt, warum die UV-Strahlung der Sonne Hautkrebs verursacht und wie man sich und seine Kinder am besten schützen sollte.

Illustration: Vanessa Chromik
Interview: Mirko Heinemann / Redaktion

Herr Professor Hauschild, in den warmen Monaten wollen wir Haut zeigen und den Sommer genießen. Müssen wir uns vor der Sonne fürchten?
Nein, fürchten müssen wir die Sonne nicht. Mit Licht und Wärme sorgt sie für Wohlbefinden, regt unseren Stoffwechsel an und wirkt gegen Depressionen. Sorgen müssen wir uns allerdings vor den unsichtbaren, ultravioletten UV-Strahlen: den langwelligen UV-A und den kurzwelligen UV-B-Strahlen. UV-B-Strahlen sind verantwortlich für Sonnenbrand und einer der Hauptauslöser für Hautkrebs. UV-A verursacht Bräunung und Hautalterung, weil das langwellige Licht tiefer in die Haut eindringt und die elastischen Fasern schädigen kann. Das kurzwellige Licht verbleibt in der Oberhaut, ist aber sehr intensiv. Dort befinden sich die Zellen, die für die Hautkrebs-Umwandlung empfindlich sind.
 

In den letzten Jahren hat die Zahl der Neuerkrankungen bei Hautkrebs drastisch zugenommen. Warum?
Zum einen ist die generelle Lebenserwartung gestiegen. Mit zunehmenden Alter steigt das Risiko einer Krebserkrankung ganz allgemein und an Hautkrebs im Speziellen, weil sich chronische Lichtschäden erst Jahrzehnte später bemerkbar machen können. Der andere Grund ist das veränderte Freizeitverhalten hin zu mehr Exposition. Wir setzen unsere Haut dem Sonnenlicht stärker aus als früher. Und dazu kommt, dass immer mehr junge Leute in Solarien gehen. In den USA wurde ein direkter Zusammenhang zwischen dem drastischen Anstieg der Solarienbesuche der unter 18-Jährigen und einer gestiegenen Rate von schwarzem Hautkrebs nachgewiesen.
 

Wie entsteht Hautkrebs?
Der Hautkrebs entsteht im Wesentlichen durch UV-Strahlen. Es gibt zwar erblich bedingte Melanome, die spielen aber nur eine geringe Rolle, wahrscheinlich höchstens bei fünf Prozent aller Fälle. Manche Melanomtypen entstehen eher durch chronische Lichtschäden, andere eher durch viele Sonnenbrände vor allem in der Kindheit. 
 

Wie können wir uns vor Hautkrebs schützen?
Der beste Schutz ist die Kleidung, also das Abdecken empfindlicher Hautareale. Und das besonders in der Kernzeit. Das Kieler Institut für Klimatologie konnte nachweisen, dass 80 Prozent der gesamten UV-Strahlung binnen vier Stunden ausgesendet werden - und zwar zwischen 12 Uhr und 16 Uhr in der Sommerzeit. Danach und davor ist es auch hell, es kann schön warm sein und optimal für Freizeitaktivitäten. Aber in der Kernzeit, also in der Mittagszeit die Sonne zu meiden, das wäre mein Rat. Oder eine Sonnencreme mit einem adäquat hohen Lichtschutzfaktor auftragen.
 

Wie sollten Eltern ihre Kinder schützen?
Kleine Kinder haben keinerlei Pigmentschutz. Unter Zweijährige sollten direkter Sonne gar nicht ausgesetzt werden. Sie sollten luftige Kleidung tragen und, ganz wichtig, einen Hut, auch wegen der reflektierenden Strahlung. Bei Sonnencremes sollte es immer der Lichtschutzfaktor 50 sein.
 

Viele Eltern haben Bedenken wegen der Chemie in Sonnencremes.
Lichtschutzmittel für Kinder ab zwei Jahre sind sehr gut untersucht, und es hat sich durchgängig gezeigt, dass der chemische Lichtschutzfaktor keinerlei negative Auswirkungen hat. Wer partout keine Chemie möchte, kann rein mineralischen Lichtschutz wählen, etwa auf Basis von beispielsweise Titandioxid. Diese Mittel sind aber etwas zäher beim Verreiben. Die meisten Präparate sind heute Kombinationsprodukte aus chemischem und mineralischem Lichtschutz, die sehr gut verträglich sind. Echte Allergien gegen diese Präparate sind selten geworden.
 

Ist jeder Sonnenbrand schon gefährlich?
Nein, sicher nicht. Aber ein Sonnenbrand ist eine Entzündung der Haut, darüber muss man sich im Klaren sein. Bei jedem Sonnenbrand wird man bestimmte Schäden an der DNA, also am Erbgut der oberen Hautzellen davontragen. Wir alle haben ein angeborenes DNA-Reparatursystem, das Schäden behebt. Wann das System überlastet ist und aussetzt, das weiß kein Mensch für sich selbst. Der eine kann 30 Sonnenbrände vertragen und bekommt keinen Hautkrebs, auch nicht 30 Jahre später, der andere hat fünf Sonnenbrände und bekommt Hautkrebs.     
 

Wie wichtig sind Maßnahmen zur Früherkennung?
Sehr wichtig. Deutschland war das erste Land, das die flächendeckende Hautkrebsfrüherkennung, das Screening, eingeführt hat. Alle zwei Jahre hat jeder Deutsche Anspruch auf ein Screening der Haut. Inzwischen ist das Teilnahmealter sogar von 35 auf 20 Jahre gesenkt worden, bei manchen Kassen sogar auf das Kindesalter. Kein einziger Tumor beim Menschen ist so einfach zu entdecken wie ein Hauttumor. Hautärzte brauchen nur das Auge und ein Auflichtmikroskop. Ein Problem ist, dass die Auflichtmikroskopie nicht von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen wird. Dadurch könnten wir 30 Prozent der Melanome, die nicht mit dem bloßen Auge zu erkennen sind, übersehen.
 

Wie wird Hautkrebs heutzutage behandelt?
Die Behandlung richtet sich nach der Tiefe des Tumors, der vertikalen Tumordicke. Bis zu einem Millimeter sprechen wir von einem Niedrigrisiko-Melanom. Hier sind die Chancen extrem gut, dass der Patient geheilt wird. Man schneidet das Melanom heraus, dann befindet sich der Patient in der Nachsorge. Bei einem dickeren Tumor wird der erste Lymphknoten hinter dem Melanom herausgenommen. Alles weitere richtet sich nach der individuellen Erkrankung, etwa der Frage, ob der Tumor bereits gestreut hat. Selbst dann sind wir heute mit den modernen zielgerichteten Verfahren oder der Immuntherapie oft in der Lage, den Hautkrebs nachhaltig und erfolgreich zu behandeln.
 

Wir haben viel über die zerstörende Kraft der Sonne gesprochen. Kann die Sonne auch heilen?
Natürlich. Verschiedene entzündliche Hauterkrankungen, darunter etwa die Schuppenflechte, zeigen grundsätzlich eine Besserung unter UV-Licht. Es wird sogar als Therapeutikum eingesetzt. Dabei wird bei der hautärztlichen Behandlung ein auf den individuellem Hauttyp angepasstes Dosierungsschema erstellt. Aber auch hier gilt: man muss auch bei der ärztlichen Bestrahlung mit UV-Licht stets Risiken und Nutzen gegeneinander abwägen.