Der Natur auf die Sprünge helfen

Juli 2015 | Die Zeit | Kinderwunsch

Der Natur auf die Sprünge helfen

Wenn es nicht klappen will mit dem Wunschkind, steht ein Besuch im Kinderwunschzentrum an. Was geschieht dort?

Sabine Philipp / Redaktion

Bei einer ungewollten Kinderlosigkeit liegen die Ursachen zu 50 Prozent beim Mann und zu 50 Prozent bei der Frau. „Meist sind beide involviert“, erklärt Sabine Kliesch. Die Chefärztin am Centrum für Reproduktionsmedizin und Andrologie am Uniklinikum Münster (UKM) behandelt Männer, die im UKM Kinderwunschzentrum Hilfe suchen. „Sehr häufig leiden die Patienten an einer Infektion, die die Befruchtungsfähigkeit der Samenfäden stört, oder an einer Hormonstörung, die den Hoden in seiner Funktion einschränkt“, so die Medizinerin. Haben die Ärzte eine Erkrankung diagnostiziert, versuchen sie zunächst, diese zu therapieren, zum Beispiel mit einer Hormontherapie. Unabhängig davon kontrollieren sie mit einem Spermiogramm, ob die Zahl, Form und Geschwindigkeit der Spermien im Ejakulat eingeschränkt ist.


Auch bei den Patientinnen wird zunächst ein Gesundheitscheck durchgeführt. Neben gynäkologischen Untersuchungen bestimmen die Ärzte die Schilddrüsenwerte. Denn oft scheitert es an einer Erkrankung der größten Drüse. Ein anderes Krankheitsbild, das eine Befruchtung verhindern kann, ist die Endometriose; die Gebärmutterschleimhaut ist außerhalb der Gebärmutter angesiedelt und kann tumorähnlich wuchern. „Das kann eine Entzündung hervorrufen und die Einnistung behindern. Endometriose kann operativ oder mit Hormonen behandelt werden“, erklärt PD Dr. Andreas Schüring, gynäkologischer Leiter des UKM Kinderwunschzentrums.


Meist liegt es aber an Kleinigkeiten, und die Mediziner können mit Methoden wie einem Zyklusmonitoring oder einer einfachen Stimulationstherapie weiterhelfen. „Beim Zyklusmonitoring beobachten wir die Eierstöcke per Ultraschall und messen den Gehalt verschiedener Hormone im Blut“, erklärt der Reproduktionsmediziner. Bei einem nahen Eisprung empfiehlt er den Paaren, Verkehr zu haben. Denn nach dem Eisprung wandert die Eizelle ja bekanntlich in einen der Eileiter, wo sie sich im Optimalfall mit einem Samenfaden vereint. „Bei einer einfachen Stimulationstherapie wird der Eierstock mit kleinen Hormondosen stimuliert, so dass ein bis zwei Eibläschen entstehen“, so der Experte weiter. „Die Paare schätzen diese Behandlung als ersten Schritt, da sie mit wenig Aufwand einhergeht und Schwangerschaften auf natürlichem Weg entstehen können.“


Bleibt der Erfolg dennoch aus, führen die Ärzte auf Wunsch des Paares eine Insemination durch: Der Samen des Mannes wird aufbereitet und in die Gebärmutterhöhle eingesetzt - was aber nur bei einer ausreichend guten Samenqualität gelingt. Ist das Ergebnis wieder negativ, versuchen es viele Paare mit einer In-Vitro-Fertilisation (IVF). Schüring erläutert das Verfahren, das auch bei verschlossenen Eileitern zur Anwendung kommt: „Die Frau wird zunächst mit Hormonen stimuliert. Wenn auf jeder Seite etwa sechs Eibläschen entstanden sind, wird der Eisprung ausgelöst. Exakt 36 Stunden später entnehmen wir mit einer kleinen Punktionsnadel über die Scheide Eizellen, die im Reagenzglas mit dem aufbereiteten Samen des Mannes zusammengebracht werden. Die befruchtete Eizelle entwickelt sich in zwei Tagen zum Embryo, der dann der Frau eingepflanzt wird.“


In einigen Fällen gibt es im Ejakulat zu wenige Samenfäden, bzw. sie sind nicht beweglich genug. Dann wird der Samenfaden direkt in eine Eizelle injiziert. Man spricht hier von einer intracytoplasmatischen Spermien Injektion (ICSI). Die Kosten für eine IVF oder eine ICSI liegen im mittleren vierstelligen Bereich. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen 50 Prozent der Kosten für bis zu drei Versuche, wenn die Partner verheiratet und mindestens 25 Jahre alt sind. Die Frau darf nicht älter als 40, der Mann nicht älter als 50 sein. Sollte der Mann keine oder nur lebensunfähige Spermien besitzen, versuchen die Mediziner Spermien aus dem Hoden (TESE) zu gewinnen, in einigen seltenen Fällen auch über den Nebenhoden (MESA). Auf die Patienten können bei dieser Option zusätzliche Kosten von etwa 500 bis 1000 Euro zukommen, zuzüglich möglicher Lagerungsgebühren.


In etwa 20 Prozent  der Fälle finden die Ärzte keinen Grund für die Kinderlosigkeit. Mit klinischen Studien betreiben sie daher Ursachenforschung. So fand Kliesch mit einem internationalen Team einen Gendefekt, der dazu führt, dass Männer zu geringe Mengen des follikelstimulierenden Hormons (FSH) produzieren. Es spielt eine wichtige Rolle bei der Spermienbildung. Jetzt möchten sie klären, ob Hormoninjektionen den Patienten helfen.