Gesund bleiben

März 2016 | Die Welt | Glücklich im Alter

Gesund bleiben

Immer mehr Menschen werden immer älter. Gibt es eine Formel für ein langes, gesundes Leben?

Illustration: Chiara Lanzieri by Marsha Heyer
Heinke Kegler / Redaktion

Campodimele – ein malerisches Bergdorf, etwa 130 Kilometer südöstlich von Rom gelegen. Neben einem Platz auf der Liste der schönsten Dörfer Italiens macht ein Phänomen den Ort zu etwas ganz Besonderem: Die Bewohner leben im Schnitt 30 Jahre länger als die übrige italienische Bevölkerung und bleiben bis ins hohe Alter sowohl geistig als auch körperlich topfit. Seit Jahren versucht man das Geheimnis um das „Dorf der Hundertjährigen“ zu lüften. Insbesondere nach einer Erklärung für den guten Gesundheitszustand der Menschen wird gesucht.
Auch in Deutschland werden die Menschen immer älter. Ein jetzt 65 Jahre alter Mann wird im Durchschnitt 82,5 Jahre alt, 65-jährige Frauen können sich auf rund 87 Jahre einstellen. Die Zahl der so genannten Best Ager nimmt deutlich zu: Im Jahr 2030 werden voraussichtlich 22 Millionen Einwohner mindestens 65 Jahre alt sein; das entspricht etwa 29 Prozent der Bevölkerung. Mit zunehmendem Alter kommt es hier allerdings auch immer häufiger zu Krankheiten wie Krebs, Herzinsuffizienz oder zu Beschwerden des Verdauungssystems. Der Blick auf die Faktoren, die uns neben einem langen vor allem ein gesundes Leben bescheren, wird also umso wichtiger.
Der Gesundheitsphilosoph Markus Lauk hat weltweit Regionen besucht, in denen es überdurchschnittlich viele alte, gesunde Menschen gibt. Aufgrund seiner Erfahrungen vertritt er die Einschätzung, „dass es nicht die eine Formel für ein langes und gesundes Leben gibt. Aber es gibt vier Lebensbereiche, die stimmen müssen.“ Das wäre zum einen: Bewegung. „Ideal ist es, durch Sport und Bewegung an der frischen Luft mindestens 2.000 bis 3.000 Kalorien pro Woche zu verbrauchen“, so Lauk. Die Studie „Gesundheit und Krankheit im Alter“, die 2009 vom Statistischen Bundesamt (Destatis), dem Robert Koch- Institut (RKI) und dem Deutschen Zentrum für Altersfragen (DZA) durchgeführt wurde, kam zu dem Ergebnis, dass hierzulande ältere Menschen deutlich seltener Sport treiben als jüngere. Dabei spielt körperliche Bewegung eine zentrale präventive Rolle: Sie verringert das Risiko, an chronischen Krankheiten wie Osteoporose, Diabetes oder Herz-Kreislauf-Beschwerden zu erkranken, erheblich. Zudem wirkt sie biologischen Alterungsprozessen entgegen, stärkt das Immunsystem und hat positive Effekte auf das seelische Wohlbefinden.
Als weitere wichtige Bereiche nennt Lauk die Psyche und das Umfeld: „ Arbeiten mit Sinn und ohne Burnout, soziale Netze vor allem offline stricken und sich mit anderen im echten Leben verbinden“, gehören für ihn zum Erhalt einer stabilen, langanhaltenden Gesundheit dazu. Diese Annahme unterstreicht auch die Studie von 2009. Die Einbindung in ein soziales Netzwerk, sowohl die aktive Teilnahme daran als auch die Unterstützung durch andere Menschen, hat ihr zufolge einen positiven Einfluss auf den Gesundheitszustand. Ebenso das psychische Empfinden: Während negative Emotionen wie Feindseligkeit, Angst oder Stress zur Entstehung unterschiedlicher Krankheiten beitragen können, wirken sich Optimismus, ein hoher Selbstwert und eine positive Einstellung gegenüber dem Älterwerden positiv auf die Widerstandsfähigkeit des Immunsystems aus. Menschen mit diesen Eigenschaften fällt es zudem leichter, Herausforderungen anzunehmen, beispielsweise mit dem Rauchen aufzuhören, ihre Ernährung umzustellen oder körperlich aktiv zu werden. Außerdem können sie mit Schmerzen besser umgehen als Personen, die eher zu Pessimismus neigen.
Den vierten wichtigen Lebensbereich macht für Lauk die Ernährung aus: „Es ist nicht nur wichtig, was man isst, sondern auch, was man nicht isst. Was uns gut tut, sind traditionelle Lebensmittel wie Obst und Gemüse. Und alles in traditionellen Mengen, also weniger, als wir heute oft essen. Dagegen sollten wir einen großen Bogen um alles machen, was industriell gefertigt ist.“ Der Anteil Übergewichtiger steigt im Alter signifikant, heißt es in der Studie des Statistischen Bundesamts, RKI und DZA. Zum Zeitpunkt der Erhebung betraf dies 71 Prozent der Männer und 58 Prozent der Frauen ab 60. Das größte Problem daran: Mit zunehmendem Gewicht steigt auch die Gefahr für eine Vielzahl von Krankheiten. Zur Vorbeugung ist eine ausgewogene Ernährung essentiell.
Mittlerweile setzen sich viele Best Ager kritisch mit ihrem Gesundheitszustand auseinander und tun vieles dafür, ihn auf einem hohen Niveau zu halten. Sie investieren zum einen in ihre Gesundheitspflege, indem sie beispielsweise Vitamine oder andere Nahrungsergänzungsmittel kaufen. Viele setzen dabei auf Naturheilmittel: Im Jahr 2008 ergab eine Umfrage der Charité und der Carstens-Stiftung, dass zwei Drittel der Senioren regelmäßig alternative Medizinpräparate verwenden, vor allem in Form von Mineralstoffen. Und auch um die Wichtigkeit von Bewegung wissen immer mehr Menschen. Unterstützung erhalten sie durch spezielle Angebote in Fitnessstudios oder unterschiedliche, auf sie zugeschnittene Sportprogramme. Beispielsweise startet die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) im Zuge der Maßnahme „Älter werden in Balance“ momentan das Pilotprojekt „Alltagstrainingsprogramm“ (ATP). Unterstützt wird die BZgA dabei vom Verband der Privaten Krankenversicherungen, Partner sind der Deutsche Olympische Sportbund, der Deutsche Turner-Bund, die LSB Nordrhein-Westfalen und das Zentrum der Gesundheit der Deutschen Sporthochschule Köln. Die Teilnehmer trainieren eine Stunde pro Woche innerhalb einer Gruppe und lernen dabei, verstärkt Tätigkeiten in ihren Alltag einfließen zu lassen, die mit Bewegung verbunden sind. Das Projekt läuft zunächst in Nordrhein-Westfalen an und soll ab 2017 bundesweit angeboten werden.
In Campodimele, dem Dorf der Hundertjährigen, stehen den Menschen zwar keine speziellen Übungsprogramme zur Verfügung. Aber sie helfen ihren Familien bis ins hohe Alter bei der Feldarbeit, verbringen viel Zeit mit anderen Dorfbewohnern und ernähren sich fast ausschließlich von selbstangebautem Obst und Gemüse, stets mit einem Schuss kaltgepresstem Olivenöl. Offensichtlich machen sie vieles genau richtig.