Digital Health

Juli 2019 | Die Zeit | Gesundheit & Volkskrankheiten

Digital Health

Die Digitalisierung könnte dabei helfen, medizinische Dienstleistungen effizienter und kostengünstiger zu machen.

Illustrationen: Daniel Balzer
Klaus Lüber / Redaktion

Wie groß das Potenzial der Digitalisierung ist, die Medizin der Zukunft grundlegend zu verändern, dafür gibt es inzwischen eine ganze Reihe von Studien. Eine neue hat die Unternehmensberatung Deloitte, die sich schon seit Jahren intensiv mit dem Thema Digital Health befasst, im Auftrage der deutschen gesetzlichen Krankenversicherungen durchgeführt. „Durch Technologieplayer und Start-ups ergeben sich innovative und für Patienten attraktive Versorgungsoptionen zunehmend außerhalb des Gesundheitssystems“, heißt es dort nüchtern. Und dann, etwas deutlicher in Richtung Kassen: Wenn innovative digitale Lösungen vermehrt außerhalb der regulären Krankenversorgung im sogenannten zweiten Gesundheitsmarkt angeboten würden, „könnte dieser zukünftig von Versicherten als erste Anlaufstelle wahrgenommen werden, und Patienten könnten zunehmend aus dem Verantwortungs- und Einflussbereich der GKV abwandern“.


Dabei haben die Experten vor allem neue Angebote der US-Tech-Riesen Alphabet, Amazon und Apple im Blick. Ende Februar gab Amazon bekannt, gemeinsam mit der Beteiligungsgesellschaft Berkshire Hathaway des Investors Warren Buffett und der größten US-Bank JP Morgan Chase eine Krankenkasse gründen zu wollen. Ziel des zunächst auf eigene Mitarbeiter beschränkten Dienstes sei es, so Amazon, mittels digitaler Technologie effizientere und billigere Gesundheitsversorgung zu bieten. Nur wenige Wochen zuvor kündigte Apple an, den Nutzern seiner iPhones in Zukunft über ein neues Feature namens Health Record die Möglichkeit zu geben, Gesundheitsdaten wie Impfungen, Rezepte und Laborergebnisse zentral auf dem Smartphone zu speichern und bei Bedarf an medizinisches Fachpersonal weiterzugeben.


Und auch Alphabet, Googles Mutterfirma, investiert inzwischen kräftig in den Bereich Healthcare und lotet hier besonders die Möglichkeiten von Künstlicher-Intelligenz-Anwendung aus. So behauptet die Firma, mittels KI-Technologie schon heute den möglichen Tod von Schwerkranken deutlich früher vorhersehen zu können, als das mit herkömmlichen Methoden möglich ist. Die Tochterfirma Verily bietet etwa eine technische Lösung an, mit der sich das Risiko eines Herzinfarkts allein mit einem Scan der Netzhaut im Auge erkennen lässt.


Für Kenner des Gesundheitsmarktes ist das Umwälzungspotenzial der Digitalisierung für den Gesundheitsmarkt auch deshalb so groß, weil die Hoffnung besteht, da durch zwei grundsätzliche Probleme des Systems in den Griff zu bekommen: Ineffizienz und hohe Kosten. Immer mehr Patienten, selbst der reichsten Industrienationen, fühlen sich nicht wirklich gut behandelt. „Im Augenblick sind Ärzte in der Situation, dass Sie nur dann gut verdienen, wenn Sie möglichst viele Patienten am Tag behandeln“, so Dr. Markus Müschenich, Vorstandsmitglied im Bundesverband Internetmedizin. Hinzu komme, dass viele mit Problemen zum Arzt gehen, die durch einen einfachen Praxisbesuch gar nicht in den Griff zu bekommen sind, etwa chronische Leiden, die durch jahrelanges Fehlverhalten entstanden sind.


Dennoch belaufen sich die Ausgaben staatlicher Gesundheitsdienstleistungen auf durchschnittlich zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts, wie das ebenfalls Deloitte für 2015 ermittelte. In seinem aktuellen Global Health Care Outlook 2018 geht das Unternehmen von einer weiteren Zunahme aus, auch bedingt durch die zunehmende Überalterung der Gesellschaft.


Hier könnte die Digitalisierung neue Behandlungsmethoden eröffnen. Für Müschenich ist Kopfschmerz und hier insbesondere Migräne ein gutes Beispiel. „Im Augenblick sind nicht einmal Chefärzte der Neurologie, die selbst an Migräne leiden, in der Lage, die Auslöser ihrer eigenen Attacken exakt zu benennen.“ Wenn dagegen ein App eine Vielzahl an Parametern, wie Bewegung, Wetter, Stress, Ernährung, Schlaf einsammelte, die der Patient nach jeder Schmerzattacke dokumentierte, könne die Software nach einer bestimmten Anzahl Wahrscheinlichkeiten für zukünftige Anfälle errechnen und auch Faktoren eingrenzen, die die Attacken mit hoher Wahrscheinlichkeit auslösen.


Einen Arztbesuch, da sind sich zwar die meisten Experten einig, werden solche Apps zwar mittelfristig nicht ersetzen. Aber sie ermöglichen immer mehr Menschen, sich in Zukunft zunehmend selbst zu untersuchen und die Effizienz der ärztlichen Therapie zu verbessern. „Das Zusammenführen von digitalen Sensortechnologien und mobilen Technologien wird die medizinische Diagnostik stark verändern“, meint Prof. Dr. Erwin Böttinger, Leiter des Digital Health Centers am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam. „Meine Prognose ist, dass in naher Zukunft weit über die Hälfte aller diagnostischen Untersuchungen von uns selbst durchgeführt wird. Mit dem Smartphone.“


Dieses könne zum Beispiel zur Therapie von Herzrhythmusstörungen eingesetzt werden. Mithilfe einer EKG-fähigen Smart-Watch ist es möglich, bei Risikopatienten zuverlässig Risiken zu erkennen. Ein weiteres Beispiel: die Diabetologie. Als Diabetiker sei es schon heute möglich, den Blutzucker von einer App mindestens genauso verlässlich einstellen zu lassen wie von einem Arzt.


Trotz allem, eine Hürde müssen solche Apps, besonders auf dem deutschen Markt mit seinen traditionell kritischen Verbraucher, noch nehmen, um in der Masse wirklich zu einem Game Changer in der medizinischen Versorgung zu werden. Sie müssen das Vertrauen der Patienten gewinnen. „Das ist im Augenblick tatsächlich ein Problem“, gibt Markus Müschenich zu. Nicht deshalb, weil auch viele der schon heute verwendeten Apps nicht zuverlässig wären. „Das sind Anwendungen, in deren Entwicklung viele Millionen Dollar geflossen sind.“ Sondern deshalb, weil es im Augenblick noch keinen Standard in der Zulassung solcher Softwares gäbe.


Erwin Böttinger erkennt noch eine zusätzliche Herausforderung: „Ich sehe die Gefahr, dass wir in einer besonderen Betrachtung des deutschen Gesundheitswesens, in einer besonderen Betrachtung von Gesundheitsdaten, neue und spezielle Lösungen entwickeln, die uns noch mehr von der generellen Entwicklung weltweit abkoppeln.“ Was man seiner Ansicht nach im deutschen Gesundheitssystem unbedingt lösen müsste, ist das Blockieren von Informationsflüssen zwischen den einzelnen Akteuren. „Wir können es uns einfach nicht erlauben, den Anschluss an die digitale Zukunft der Medizin zu verlieren.“