Weiblich, Mutter, jung

März 2015 | Die Zeit | Frauengesundheit

Weiblich, Mutter, jung

Frauen stehen der alternativen Medizin näher als Männer. Woran mag das liegen?

Sabine Philipp / Redaktion

Die Grippewelle hat Deutschland fest im Griff. Die besten Hausmittel dagegen sind Hühnerbrühe und homöopathische Tropfen. Da sind sich viele Frauen einig. Das Wissen darüber stammt oft von den Müttern, die es wiederum von ihren Müttern übernommen haben. 

 

Oder es stammt von Freundinnen. Naturheilmittel sind bei vielen Frauen ein beliebtes Gesprächsthema. Denn traditionell sind sie es, die zu Hause die Kranken pflegen und die Kinder groß ziehen. Dabei gilt das Motto: Wer heilt, hat Recht. Auch wenn es keinen wissenschaftlichen Beweis gibt oder die Anwendung anscheinend keinen Sinn ergibt. So, wie das bei der Homöopathie der Fall zu sein scheint, wo ein Stoff bis zur faktischen Unendlichkeit verdünnt wird. Entscheidend sind Erfahrungswerte. 

 

Dass Frauen der Naturheilkunde insgesamt näher stehen als Männer, lässt sich aus verschiedenen Studien herauslesen. So ergab eine repräsentative Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) im Auftrag des Apothekenmagazins „Baby und Familie“ 2013, dass 60 Prozent der weiblichen Befragten schon einmal alternative Therapien in Anspruch genommen haben. Bei den Männern waren es nur ein Drittel. Die beliebtesten alternativen Heilmethoden waren bei den Frauen die Homöopathie mit 28 Prozent, die Akupunktur mit knapp 20 Prozent und die Schüßler Salze mit 18 Prozent. Jede siebte Frau hat es schon mit autogenem Training oder Meditation versucht; jede Achte nahm Angebote für Fußreflexzonen-Massage wahr oder wandte Bach-Blüten-Therapie an. 

 

Eine ähnliche Umfrage, ebenfalls von der GfK, unter 200 Apothekern im Auftrag des Bundesverbands der Arzneimittel-Hersteller (BAH) ergab, dass der typische Homöopathie-Kunde weiblich, jung und bereits Mutter ist. Wenn der Apotheker ein homöopathisches Mittel empfiehlt, so ein weiteres Ergebnis, dann meist gegen Erkältungen, gefolgt von Allergien und Insektenstichen. Die weiteren Plätze belegten Verletzungen, Kopfschmerzen oder Migräne, Kinderkrankheiten, nervöse Unruhe und Schmerzen.

 

Die Auswahl ist enorm: „Das große Lexikon der Homöopathie“ von Andrew Lockie listet 320 homöopathische Heilmittel auf. Für die Hausapotheke gibt es Globuli-Sammlungen mit Mittel gegen die verschiedensten Leiden zu kaufen: von Fieber über Heuschnupfen bis hin zu Zahnungsbeschwerden. Viele dieser Angebote richten sich speziell an Mütter. Ein Grund für diese Popularität mag sicher auch darin liegen, dass die meisten Kinder lieber süße Globuli-Kügelchen schlucken als bittere Medizin. Außerdem gelten sie als sanft und nebenwirkungsarm.

 

Auch für immer mehr Wissenschaftler und Schulmediziner ist Naturheilkunde ein Thema. So beschäftigt sich etwa die Ambulanz für Naturheilkunde an der Frauenklinik am Universitätsklinikum Heidelberg schon seit 1993 mit typisch weiblichen Erkrankungen. Das Team setzt Naturheilverfahren und ergänzende Maßnahmen zur Schulmedizin (Komplementärmedizin) ein, und behandelt neben Wechseljahresbeschwerden vor allem das prämenstruelle Syndrom (PMS), gynäkologische Tumore (besonders Brustkrebs), Zyklusstörungen sowie Endometriose (Wucherung von Gewebe der Gebärmutterschleimhaut). Die Mediziner bieten außerdem Kinderwunschbehandlungen bei beiden Partnern an. Sie erforschen in zahlreichen klinischen Studien Wirksamkeit und Unbedenklichkeit der Verfahren. Denn auch wenn die Erfahrung vieler Frauen zeigt, dass viele Naturheilmittel offenbar helfen, wie etwa bei der eingangs genannten Grippe, weiß man oft nicht, warum. Auch über Risiken und Nebenwirkungen ist oft wenig bekannt. 

 

Dass die Naturheilkunde mehr weibliche als männliche Anhänger hat, könnte auch daher rühren, dass viele Frauen anders an das Thema Gesundheit herangehen. Ein Bericht des Gesundheitsamts Bremen mit dem Titel: „Die Gesundheit von Männern ist nicht die Gesundheit von Frauen“ kommt  zu dem Fazit, dass Männer und Frauen in puncto Gesundheit unterschiedliche Vorstellungen haben: So definieren Männer Gesundheit funktionalistisch im Sinne von Leistungsfähigkeit und Abwesenheit von Krankheit. Und bevorzugen Angebote, die ihnen helfen, ein konkretes Gesundheitsproblem schnell und effizient zu bewältigen. Bei der Naturheilkunde wird aber ein eher ganzheitlicher Ansatz verfolgt, der nicht die ganz schnelle Lösung im Blick hat. Ein Ansatz, der vielen Männern offenbar nicht so recht passen will.