Priorität: Kind

März 2015 | Die Zeit | Frauengesundheit

Priorität: Kind

Was geschieht im weiblichen Körper während einer Schwangerschaft?

Kerstin Mitternacht / Redaktion

Beim Anblick eines Hundebabys steigen einer schwangeren Frau plötzlich Tränen in die Augen. Beim Geruch von Käsekuchen überfällt sie plötzlich Ekel, obwohl es immer ihr Lieblingskuchen war. „Das sind die Hormone“, heißt es dann. Aber sind tatsächlich immer die Hormone schuld? Und was passiert im Körper einer Frau während der Schwangerschaft?

 

Noch bevor die Frau selbst weiß, dass sie schwanger ist, beginnen bereits die ersten Veränderungen im Körper. „Das wichtige Schwangerschaftshormon „HCG“ (humanes Choriongonadotropin), das auch beim Schwangerschaftstest eine Rolle spielt, da es im Urin nachgewiesen wird, ist von Anfang an mit dabei“, sagt Professor Ekkehard Schleußner, Vertreter der Geburtsmedizin im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe und Direktor der Abteilung für Geburtshilfe am Universitätsklinikum Jena. „Es sorgt nicht nur dafür, dass die ersten Zellen gebildet werden und sich teilen, sondern es ist auch oft mit ein Grund für die Morgenübelkeit.“ Auch wenn die Übelkeit unangenehm ist, so bedeutet sie auch, dass genügend von dem Hormon gebildet wird und sich der Embryo gut entwickeln kann, so Schleußner.

 

Ob Übelkeit, Müdigkeit oder Vergesslichkeit – in der Schwangerschaft bekommen vielen Frauen ungeliebte Begleiterscheinungen: „Der Körper bereitet sich auf das Kind vor, damit es im Bauch heranwachsen kann, gleichzeitig wird die Frau auch schon auf die Geburt eingestimmt und auf das Stillen danach“, sagt Schleußner.

 

Der Körper muss einige Veränderungen durchmachen, damit genug Ressourcen für das Kind bereitstehen, denn das steht in der Schwangerschaft an erster Stelle. „Die hormonelle Umstellung hat das Ziel, dass Energie, Nährstoffe und Mineralien für das Kind zur Verfügung stehen“, sagt Schleußner. Zum Beispiel erhöht sich auch die Blutmenge um ein bis zwei Liter, da sich durch den Mutterkuchen ein neues Gefäßsystem entwickelt, das durchblutet werden muss. Schwangere Frauen haben daher einen höheren Eisenbedarf.

 

Auch wächst der Bedarf an Kalzium: Früher hieß es oft, dass eine Frau pro Kind einen Zahn verliere. „Doch dies passiert bei gesunden Frauen heute nicht mehr“, sagt Schleußner. „Aber noch in den 80iger Jahren gehörte der Zahnarztbesuch zur Vorsorgeuntersuchung, heute wird er den Frauen nur noch empfohlen.“

 

„Frauen merken zum Beispiel auch, dass sich ihre Atemfrequenz erhöht, da das Zwerchfell nach oben drückt oder sie plötzlich gefühlt alle fünf Minuten auf Toilette müssen, da sich die Blase nicht mehr so ausdehnen kann wie früher“, erklärt Schleußner weitere körperliche Veränderungen.

 

„Nicht nur für den Körper, auch für die Psyche bedeutet eine Schwangerschaft eine erhebliche Umstellung“, sagt Schleußner. „Die Frau macht eine Transformation durch: von einem Leben, indem sie nur Verantwortung für sich übernehmen musste, zu einem Leben mit Verantwortung für das Kind. Es ist eine Anpassungsphase vom Ich zum Wir.“ Das ist auch bei einigen Frauen der Grund für die Vergesslichkeit: Schlüssel und Handy in der Handtasche? Das ist nicht mehr so wichtig, da das noch ungeborene Kind an die erste Stelle rückt, und einige andere Themen werden ausgeblendet.  

 

Neben all den kleinen und größeren Beschwerden gibt es auch einige positive Nebeneffekte einer Schwangerschaft: „Viele Frauen bekommen eine reinere Haut, festere Haare und Fingernägel, und einige überkommt ein regelrechtes Glücksgefühl. Sie fühlen sich attraktiv und wohl im eigenen Körper, was sie auch ausstrahlen. Außerdem freuen sich viele Frauen, dass ihre Brüste wachsen“, berichtet Hebamme Karola Kirchner aus Frankfurt am Main, die selbst schwanger ist.

 

Auch wenn der Körper viele neue Aufgaben übernimmt und das Kind alle Nährstoffe zuerst für sich beansprucht, heißt das nicht, dass Frauen auch automatisch eine doppelte Menge essen müssen, denn das Kind benötigt nur etwa 10 bis 15 Prozent mehr Energie, so Kirchner. „Ungefähr zwölf Kilo sind die Regel, die Frauen in der Schwangerschaft zunehmen – ein Kilo pro Monat, so die Faustregel“, sagt Schleußner, „obwohl dies natürlich auf die Größe der Frau und das vorherige Gewicht ankommt.“ Etwa drei bis fünf Kilo mache das Kind und das Fruchtwasser aus, der Rest der Gewichtszunahmen seien vor allem Flüssigkeitseinlagerungen, so der Professor. 

»Viele Frauen haben die Fähigkeit verloren, auf ihren Körper zu hören.«

 „Viele Frauen haben die Fähigkeit verloren, auf ihren Körper zu hören“, berichtet Kirchner aus ihren Erfahrungen. Deshalb hört die Hebamme auch oft die Frage, ob die Ernährung umgestellt werden soll oder welche Nahrungsergänzungsmittel sinnvoll sind. „Dies ist aus meiner Sicht allerdings unnötig, denn wer sich ausgewogen und mit frischen Zutaten ernährt, bekommt alle Nährstoffe die wichtig sind.“ Die einzige Ausnahme sei Folsäure.

 

Was ist aber mit der plötzlichen Lust auf Salziges, wie Essiggurken oder Heißhunger auf Schokolade? „Das ist in meinen Augen nur ein Gerücht“, sagt Kirchner. „Die Geschmackswahrnehmung kann sich zwar verändern, und Abneigungen gegen bestimmte Lebensmittel können stärker werden, aber die Gelüste, etwa auf eingelegte Heringe, das ist eine Legende“, bestätigt auch Schleußner. Bekommen Frauen, die sich vegetarisch ernähren, plötzlich Heißhunger auf ein Steak, kann dies allerdings auf einen höheren Eisenbedarf hindeuten, so die Hebamme. „Der Körper signalisiert, was er braucht. Frauen müssen nur wieder lernen darauf zu hören“, sagt Kirchner, „denn Schwangerschaft und Geburt sind etwas sehr Natürliches.“ 

 

„Natürliche Vorgänge sind allerdings oft am wenigsten erforscht“, sagt Schleußner. So weiß man etwa immer noch nicht, wie das Immunsystem der Frau erlaubt, dass ein Fremdeiweiß wie die Fruchtanlage, die zur Hälfte die väterlichen Merkmale trägt, in die Gebärmutterwand einwachsen kann.“ Und auch, warum eine Schwangerschaft in der Regel nach 40 Wochen endet, sei noch nicht abschließend untersucht. „Man weiß zwar, dass dafür ein Hormon verantwortlich ist, das vom Kind ausgeht. Aber was dieses Signal auslöst und warum nach 40 Wochen – das ist noch nicht vollständig aufgeklärt.“ 

 

„Es ist schön, dass wir über dieses Wunder noch nicht alles hundertprozentig wissen“, so Kirchner. „Frauen sollten deshalb ihrem Körper vertrauen, denn dieser weiß in der Regel, was zu tun ist.“