Neuer Lebensabschnitt

März 2016 | Die Zeit | Frauengesundheit

Neuer Lebensabschnitt

Die Wechseljahre sind keine Krankheit, sondern eine Zeit der Umstellung. Mit einer positiven Einstellung, Sport und pflanzlichen Arzneimitteln lassen sich viele Beschwerden lindern.

Illustration: Katja Budinger
J.W. Heidtmann / Redaktion

Plötzlich kommt die Monatsblutung unregelmäßig. Viele Frauen klagen über Schweißausbrüche, die ohne erkennbaren Grund kommen und gehen. Stimmungsschwankungen, Nervosität und Hochgefühle wechseln sich ab. Auch Muskelschmerzen gehören zu den verbreiteten Symptomen. Ein Grund zur Sorge ist das in den meisten Fällen nicht: Die Wechseljahre kündigen sich an. Los geht es in den 40ern. Dann bildet der weibliche Organismus immer weniger Östrogen. Über gelegentliche Beschwerden klagen rund ein Drittel der Frauen, ein weiteres Drittel hat mit ausgeprägten Beschwerden zu tun. 

 

Bevor eine Therapie mit Hormonen infrage kommt, sollten zunächst alle anderen Mittel versucht werden. Laut Studien lassen sich bei einem Drittel der Frauen die Beschwerden mit gesunder Ernährung, Sport und pflanzlichen Arzneimitteln in den Griff bekommen. Dabei ist der Sport einer der wichtigsten Faktoren: Ausdauersportarten aktivieren den Stoffwechsel und führen zu einem besseren Körpergefühl. Wer viel Obst und Gemüse isst, hat weniger Hunger und nimmt deshalb auch nicht so leicht zu. Ebenso hilft Sport, den Blutdruck zu stabilisieren und Herz, Kreislauf, Blutgefäße und Muskulatur zu stärken. 

 

Pflanzliche Arzneimittel können gegen Wechseljahresbeschwerden wirken. Bewährt gegen Hitzewallungen hat sich in vielen Fällen der Arzneisalbei. Mönchspfeffer kann Reizbarkeit und Konzentrationsstörungen bekämpfen, Melisse und Weißdorn Herzklopfen. Rotklee soll mit seinen so genannten Phytoöstrogenen die nachlassenden menschlichen Hormone ausgleichen können. Auch Traubensilberkerzen enthalten pflanzliche Stoffe, die dem Östrogen ähnlich sind. Bei depressiven Verstimmungen können Extrakte oder Tees aus Passionsblume oder Johanniskraut helfen. Es gibt auch Kombinationspräparate aus Johanniskraut und Traubensilberkerzen. Dabei ist zu beachten, dass Nebenwirkungen mit Medikamenten auftreten können – zum Beispiel mit Antidepressiva. Milchsäurebakterien, wie sie in Salben vorhanden sind, können die trocken werdenden Schleimhäute wieder befeuchten. Das betrifft den Vaginalbereich genauso wie zum Beispiel die Schleimhäute der Augen. 

 

In dieser Zeit sollte die Ernährung auf leichte, fettarme Produkte umgestellt werden. Und dazu viel trinken: mindestens zwei Liter am Tag, am besten Wasser, ungesüßten Tee oder Saftschorle. Leichte Kost wirkt ausgleichend auf alle Körperfunktionen und kann damit auch die Beschwerden reduzieren. Dazu: wenig Kaffee trinken, wenig Alkohol und möglichst gar nicht rauchen. Alkohol und Nikotin können den
Östrogenspiegel absenken und damit den Temperatur-Regler irritieren. 

»Phytoöstrogene sollen die nachlassenden Hormone ausgleichen.«

Als natürliche Alternative werden auch Nahrungsergänzungsmittel auf Soja-Basis beworben, die ohne Rezept in Apotheken und über das Internet erhältlich sind. Als wirksame Inhaltsstoffe gelten sogenannte Isoflavone, darunter die Substanzen Daidzein und Genistein. Die Forschung zur Wirkung dieser Stoffe baute lange vor allem auf der Beobachtung vermeintlicher Zusammenhänge auf: Asiatische Frauen, die viel Soja verzehren, leiden im Durchschnitt wesentlich seltener unter Beschwerden im Klimakterium. Eine amerikanische Studie hatte Frauen im Alter zwischen 45 und 60 zwei Jahre lang entweder Sojapräparate oder ein wirkungsloses Scheinmedikament gegeben. Den Probandinnen der Sojagruppe ging es keineswegs besser, sie litten sogar häufiger unter Hitzewallungen als die Frauen der Vergleichsgruppe. 

 

Zudem warnt das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung davor, dass isolierte Isoflavone wegen ihrer hormonähnlichen Wirkung die Schilddrüsenfunktion beeinträchtigen und das Brustdrüsengewebe verändern können. Zu anderen Schlüssen kommt eine aktuelle Erhebung der europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit. Sie wertete über einen Zeitraum von sieben Jahren 7.841 Studien aus, die sich mit dem Einfluss von Soja-Isoflavonen auf die Gesundheit von Brust, Gebärmutter und Schilddrüse von Frauen in den Wechseljahren befassten. Danach sind Soja-Isoflavone in Dosierungen, wie sie typischerweise in Nahrungsergänzungsmitteln oder diätetischen Lebensmitteln enthalten sind, unbedenklich für hormonsensitive Gewebe wie Brust, Gebärmutter und Schilddrüse von Frauen ab der Menopause. Explizit genannt wurden die aus klinischen Untersuchungen abgeleiteten Mindestobergrenzen von 150 mg pro Tag und einer Anwendungsdauer von drei Jahren.

 

Auch Akupunktur gilt unter vielen Frauen als Mittel der Wahl gegen Beschwerden im Rahmen der Wechseljahre. Eine aktuelle australischen Studie kommt zu dem Schluss, dass Akupunktur ebenso gut hilft wie eine Scheinbehandlung. An der Studie von Forschern der University of Melbourne nahmen 327 australische Frauen über 40 Jahren teil, die täglich mindestens sieben Mal an moderaten Hitzewallungen litten. Die eine Hälfte erhielt zehn Akupunktur-Sitzungen nach den Regeln der traditionellen chinesischen Medizin. Die andere Hälfte erhielt eine Placebo-Akupunktur, bei der die Haut mit stumpfen Nadeln berührt wurde, die nicht in die Haut eindrangen. Nach acht Wochen hatten sich sowohl mit der echten als auch mit der scheinbaren Behandlung das Ausmaß und die Häufigkeit von Hitzewallungen um 40 Prozent reduziert. Dieser Effekt hielt bis zu einem halben Jahr an. Ein möglicher Grund für die Placebo-Wirkung könnte darin liegen, dass die Frauen zur Behandlung in eine Klinik gingen, dort Gelegenheit hatten, mit medizinischem Personal über ihre Beschwerden zu sprechen und ernst genommen wurden, so  Studien-Autorin Dr. Carolyn Ee in einer Mitteilung der Universität.

 

Eine weitere Alternative bei anhaltenden Beschwerden ist die so genannte „Hormonersatztherapie“. Sie ist allerdings nicht unumstritten. 2002 gelangte eine Studie der US-amerikanischen Women's Health Initiative (WHI) zu dem Ergebnis, dass die bis dato jahrzehntelang als harmlos geltende Hormontherapie gefährlich sei. Die klassischerweise von Frauenärzten verschriebenen Präparate aus Östrogen und Gestagen sollen laut WHI-Studie das Risiko erhöhen, an Brustkrebs zu erkranken und einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall zu erleiden. Die Folge war eine heftige Diskussion zwischen Befürwortern und Gegnern der Hormontherapie. Inzwischen sind die Ärzte vorsichtiger mit dem Verschreiben von Östrogenen geworden.