Mit Hochdruck gegen den Krebs

Juli 2016 | Handelsblatt | Fokus Krebs

Mit Hochdruck gegen den Krebs

Zielgerichtete molekulare Therapien und Immuntherapien sind derzeit die Hoffungsträger bei der Behandlung von Krebs. Im Juni wurden auf dem weltgrößten Kongress in Chicago die neuesten Ergebnisse aus der Forschung vorgestellt.

Illustration: Ivonne Schulze
Mirko Heinemann / Redaktion

Die Referenten auf dem Podium in der Charité sind müde, aber gut gelaunt. Sie kommen gerade frisch aus Chicago, wo Anfang Juni das Treffen der American Society of Clinical Oncology (ASCO) stattgefunden hat. Mehr als 35.000 Teilnehmer kommen jedes Jahr auf dem weltweit größten Krebskongress zusammen und tauschen die neuesten Erkenntnisse aus der Krebsforschung aus. Eigens zu diesem Zweck hat das Charité Comprehensive Cancer Center die „Best of ASCO-Conference“ organisiert, auf der sich Wissenschaftler, Ärzte und Fachmedien aus erster Hand über die Ergebnisse aus Chicago informieren und sie gemeinsam besprechen können. „Durch die Kooperation mit der ASCO stehen uns die Originalpräsentationen vom ASCO-Jahrestreffen zur Verfügung, um sie im Kontext der deutschen Versorgungsrealität zu diskutieren“, erklärt Johannes Bruns, Generalsekretär der Deutschen Krebsgesellschaft, der Schirmherrin der Konferenz.

 

In diesem Jahr stand die Konferenz ganz unter dem Zeichen der Präzisionsmedizin, der gezielten Behandlung von Tumoren. Vor allem die Immuntherapie und die molekulare, maßgeschneiderte Therapie macht derzeit große Fortschritte. „Diese Therapieform reift immer weiter heran, und wir können in absehbarer Zeit mit vielen neuen Medikamentzulassungen rechnen“, so Ulrich Keilholz vom Charité Comprehensive Cancer Center – Charité  Universitätsmedizin Berlin. Das bedeutet nicht, dass sich die Krebstherapie schnell komplett verändern wird. Nach wie vor ist die wichtigste Therapieform die Resektion des Tumors, also die Operation. Auch die Strahlentherapie wird weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Was sich aber verändern werde, so Keilholz, sei die Chemotherapie. „Sie wird zunehmend von der zielgerichteten Molekulartherapie und der Immuntherapie ergänzt und ersetzt werden.“ 

 

Die Bremsen des Immunsystems lösen

 

Bei der Immuntherapie wirken neuartige Medikamente, die sogenannten Checkpoint-Inhibitoren, auf das Immunsystem ein. Dabei wird quasi die Bremse bei den körpereigenen T-Zellen gelöst, die vom Tumor an der erfolgreichen Bekämpfung der Krebszellen gehindert werden. So kann das Immunsystem des Patienten den Krebs gezielt erkennen und attackieren. „Viele Jahre lang haben wir Krebsforscher geglaubt, man müsse das Immunsystem stimulieren, so dass es den Krebs bekämpft“, so Keilholz. „Es gab auch immer wieder Erfolge, einzelne Patienten sprachen an. Es hat eine Zeit gedauert, bis die Medizin begriffen hat, dass es eher darum geht, die Bremsen zu lösen, die das Immunsystem blockieren und Autoimmunität zu erlauben.“ 

 

Diese Strategie scheint erfolgreich. Checkpoint-Inhibitoren sind bereits beim Melanom und beim Lungenkrebs zugelassen. Die Antikörper setzen den Checkpoint außer Kraft, der das Entstehen einer Immunität verhindert. Aber dabei entstehen auch Immunreaktionen, etwa Entzündungen der Haut, des Darms oder der Lunge. Nun aber wurden neue Antikörper entwickelt. Sie erlauben, dass Immunität, die bereits da ist, sich auswirken kann. Und, das wichtigste: Diese Antikörper wirken bei einer Vielzahl von Tumorerkrankungen. „Besonders diejenigen Medikamente, die den so genannten PD1-Signalweg in den Immunzellen blockieren, wirken offenbar bei einer Vielzahl von Krebsarten“, so Keilholz. „Bei einem Teil der Patienten kommt es dadurch sogar zu einer lang anhaltenden Besserung.“ Derzeit arbeitet die Medizin an Kombinationen verschiedener Checkpoint-Inhibitoren. Kombinationstherapien erzielen eine bessere Wirkung, aber auch mehr Nebenwirkungen. 

 

Erfolge beim Hautkrebs

 

Die größten Fortschritte gibt es bei der Behandlung des schwarzen Hautkrebs, des Melanoms. Hier gab es allein im letzten Jahr zwei Zulassungen und neue Antikörper und eine neue Kombinationstherapie. Hier haben Studien aus Chicago signifikant verbesserte Überlebensraten gezeigt. Auch die Lebensqualität der Patienten sei relativ gut, vor allem bei den Therapien mit den Checkpoint-Inhibitoren. 

 

Die Abbruchraten sind gering 

 

Bei der molekular gezielten Therapie hingegen werden Wirkstoffe eingesetzt, die Vorgänge auf Zellebene beeinflussen, die eine zentrale Rolle beim Tumorwachstum spielen. Sie sind auf biologische Eigenschaften des Tumors ausgerichtet. Man bezeichnet eine solche veränderte Eigenschaft im Vergleich zu einer gesunden Zelle auch als Biomarker. Somit ist die zielgerichtete Therapie Bestandteil einer Behandlungsform, die häufig als personalisierte Therapie bezeichnet wird. Bevor zielgerichtete Therapien eingesetzt werden, gilt es herauszufinden, welchen Patienten eine solche Behandlung nutzt. Hierfür gibt es zunehmend Tests, mit denen man die speziellen Eigenschaften der Tumorzellen und die Zielstrukturen der Wirkstoffe, die so genannten Targets, bestimmen kann. 

 

Mutations-spezifische Inibitoren können gezielt die Gene blockieren, die durch Mutation zum ‚Treiber‘ des Tumorwachstums geworden sind und dadurch das weitere Tumorwachstum unterbinden. Andere Wirkstoffe, so genannte Proteasom-Hemmer, blockieren die Müllentsorgung der Zelle. Damit die Zelle sich regelmäßig teilen kann, entsorgt sie überflüssige Eiweißmoleküle. Diese Aufgabe übernimmt ein Enzymkomplex, das sogenannte Proteasom. Ist die Funktion des Proteasoms gestört, kann sich die Zelle nicht mehr vermehren. Sie erstickt an ihrem eigenen Abfall. Der programmierte Zelltod, die Apoptose, wird in Gang gesetzt. PARP-Hemmer hingegen unterbinden die Reparaturmechanismen der Krebszelle, indem sie verhindern, dass die Krebszellen die Selbstreparatur unterbrechen. 

 

Voraussetzung: Bessere Tumor-Klassifizierung

 

„Wir benötigen mehr Erkenntnisse über die molekulare Alteration der Krebserkrankung, um noch gezielter jeden einzelnen Krebspatienten behandeln zu können“, so Keilholz. Beim Kopf-Hals-Karzinom sind derzeit vier molekulare Typen bekannt, beim Lungenkarzinom sind es bereits 25 unterschiedliche Typen. Bei Darmkrebs sind heute vier klinisch relevante Untergruppen unterscheidbar, neue Untergruppen kommen dazu. „So kommen wir allmählich in die Lage zu verstehen, bei welchem Patienten eine molekular definierte Krebserkrankung für eine molekulare Therapie oder eine Immuntherapie sensibel ist.“ 

 

Wichtig sei es, nicht allzu große Hoffnungen zu schüren. Speziell in der Immuntherapie sieht Ulrich Keilholz großes Potenzial. Aber man stehe noch am Anfang. „Immuntherapie klingt natürlich psychologisch gut und genießt deshalb auch medial große Aufmerksamkeit“, so Keilholz. „Aber wenn die Modewelle solcher faszinierender neuer Prinzipien erst abklingt, dann kann man anfangen systematisch zu arbeiten.“