Gesunde Mitarbeiter, starkes Unternehmen

Mai 2018 | Die Welt | Talente der Zukunft

Gesunde Mitarbeiter, starkes Unternehmen

Eine Investition in die Gesundheit der Mitarbeiter ist eine Investition in die Zukunft des Unternehmens, sagen Experten und belegen die Zahlen.

Illustration: Iza Bułeczka
Julia Thiem / Redaktion

Macht Arbeit krank? Diese Frage muss man sich angesichts der alarmierenden Zahlen stellen dürfen, die die pronova BKK in einer aktuellen Studie erhoben hat. Demnach sind fast neun von zehn Deutschen von ihrer Arbeit gestresst. Und zwar teilweise so stark, dass bereits Warnzeichen für ein Burnout auftreten. Da wundert es auch nicht, dass gut die Hälfte der Befragten für sich ein mäßiges bis hohes Burnout-Risiko sieht.

Doch das ist noch nicht alles: Auch die durch chronische Beschwerden wie Rückenschmerzen, Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes oder Allergien verursachten Arbeitsausfälle nehmen rapide zu. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) schätzt, dass Arbeitgeber 2017 rund 53 Milliarden Euro für die Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall aufbringen mussten. Zum Vergleich: 2007 waren es knapp 30 Milliarden Euro.

Sara Schnettler, Trainerin für Gesundheitsmanagement, wundern diese Zahlen nicht. Der Mensch habe inzwischen massive Probleme, sich einer rasant verändernden Umwelt anzupassen. „Es ist nicht unsere Belastbarkeit, die abnimmt, sondern der verdichtete Tagesablauf, der krank macht. Immer größer wird der Ruf nach mehr Flexibilität und einer permanenten Erreichbarkeit. Und auch die Digitalisierung trägt dazu bei, dass wir unseren inneren Akku wesentlich stärker in Anspruch nehmen müssen und ihn dadurch streckenweise überlasten.“

Die Digitalisierung ist auch einer der Stressfaktoren, der laut der pronova-BKK-Studie neue, subtilere Folgen für die Gesundheit der Mitarbeiter mit sich bringt: Acht Prozent der Arbeitnehmer fühlen sich beispielsweise durch den Einsatz von Robotern und die schnellere Kommunikation unter Druck gesetzt. Und immerhin 15 Prozent fürchten durch die zunehmende Digitalisierung um ihren Arbeitsplatz.

Kranke und gestresste Mitarbeiter fallen nicht nur häufiger aus, sie sind auch weniger produktiv. Daher steht die Gesundheit der eigenen Belegschaft zunehmend auf der Agenda vieler Betriebe – doch längst noch nicht überall, wie eine Studie der Techniker Krankenkasse aufzeigt. Demnach gibt es in jedem elften Unternehmen keinerlei Maßnahmen zur Gesundheitsförderung. Für Expertin Schnettler völlig unverständlich: „Die Zukunft eines Unternehmens ist von jedem Rad im Getriebe abhängig. Eine Investition in die Mitarbeiter ist also gleichzeitig eine Investition in das Unternehmen.“

Sie betont zudem, dass ein ganzheitlich aufgesetztes betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) nicht nur das Arbeitsklima verbessere, sondern sich auch positiv auf die Produktivität, das Verantwortungsbewusstsein sowie die Kreativität der Mitarbeiter auswirke. Das belegen auch Zahlen der Initiative Arbeit und Gesundheit, die in einem Report Daten aus mehr als 2.400 Studien ausgewertet hat. Demnach sorgt ein betriebliches Gesundheitsmanagement dafür, dass krankheitsbedingte Fehlzeiten im Durchschnitt um ein Viertel sinken. Und auch das Kosten-Nutzen-Verhältnis ist überaus positiv: Mit jedem investierten Euro können 2,70 Euro durch reduzierte Fehlzeiten eingespart werden. Für Investitionen in den Arbeitsschutz zeigt sich ein vergleichbar positives Kosten-Nutzen-Verhältnis.

Staublunge, Knochenverletzungen oder Schwerhörigkeit durch Maschinenlärm sind in unserer modernen Arbeitswelt allerdings rar geworden. Es sind eher die psychischen Erkrankungen, die Unternehmen viel Geld kosten und weiterhin kosten werden. Daher muss sich auch das Gesundheitskonzept der Unternehmen deutlich verändern. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass ein von einem Burnout betroffener Mitarbeiter durchschnittlich 30,4 Tage im Jahr am Arbeitsplatz fehlt. Wenn wir heute also vom betrieblichen Gesundheitsmanagement sprechen, geht es längst nicht mehr um Unfallvermeidung, Ergonomie oder Rückentraining. Vielmehr sollten Arbeitgeber ein ganzheitliches Interesse daran haben, ihre Mitarbeiter so lange wie möglich gesund zu halten – von ausgewogener Ernährung, über ausreichende Ruhezeiten bis hin zum Sport und einem erholsamen Schlaf.

Das gilt vor allem auch aufgrund des demografischen Wandels in Deutschland, der laut dem IW einer der Gründe für die hohe finanzielle Belastung der Unternehmen durch Krankheitstage ist. „Die Gruppe der Erwerbstätigen ab 55 Jahren ist überproportional stark gewachsen – und ältere Mitarbeiter werden häufiger krank als jüngere“, bringt es Jochen Pimpertz, Leiter des Kompetenzfelds Öffentliche Finanzen, soziale Sicherung, Verteilung im Institut der deutschen Wirtschaft, auf den Punkt.

Das neue „Zauberwort“ des BGM lautet: Achtsamkeit. Dabei geht es weniger um Esoterik, die viele vielleicht mit dem Begriff verbinden, sondern um einen bewussten Umgang mit den eigenen Ressourcen, wie Schnettler erklärt: „Jeder Einzelne muss Verantwortung für seine Gesundheit übernehmen. Dann ist ein betriebliches Gesundheitsmanagement nachhaltig, trägt zur Leistungsbereitschaft und Motivation der Mitarbeiter bei und senkt die kostenträchtigen krankheitsbedingten Arbeitsausfälle dauerhaft.“ Einige große Konzerne setzen das bereits aktiv um – etwa SAP oder Thyssen Krupp, die Achtsamkeitstrainings seit einiger Zeit als interne Fortbildungen anbieten.

Darüber hinaus gewinnt die Resilienz zunehmend an Bedeutung im betrieblichen Gesundheitsmanagement. Wir können schlicht und ergreifend die Zeit nicht zurückdrehen. Digitalisierung, künstliche Intelligenz, Big Data – all das verändert unsere Arbeitswelt und kann den Stress für den Einzelnen erhöhen, ob wir wollen oder nicht. Aber wir können lernen, mit diesem erhöhten Stresspegel umzugehen. Genau darum geht es beim Resilienz-Training, das in der Psychologie die Widerstandsfähigkeit von Menschen gegenüber Belastungen und andauerndem Stress bezeichnet.

„Es ist notwendig, umzudenken“, glaubt Trainerin Schnettler. „Belastbarkeit setzt eine achtsame Lebenshaltung voraus. Und moderne Unternehmen tragen mit einem systemischen BGM dazu bei.“