Gesundes Klima

Dezember 2016 | Handelsblatt | Das Neue Arbeiten

Gesundes Klima

Zu einem erfolgreichen Gesundheitsmanagement gehört mehr als gesundes Kantinenessen oder ergonomische Stühle. Wichtig ist vor allem ein gutes Arbeitsklima.

Illustration: Luisa Jung
Angelika Sylvia Friedl / Redaktion

Arbeitsbedingungen verbessern und Belastungen reduzieren – das sind klassische Aufgaben des Gesundheitsmanagements. Viele Unternehmen nehmen sich das inzwischen zu Herzen. „Klar ist es wichtig, Arbeitsprozesse zu verbessern. Das sehen die meisten auch ein, weil der Zusammenhang zwischen den getroffenen Maßnahmen und der Erhaltung der Leistungsfähigkeit ja darstellbar ist“, so Ingo Weinreich, Mitglied des Vorstandes im Bundesverband Betriebliches Gesundheitsmanagement.

Aber effektives Gesundheitsmanagement geht noch weiter. Wie Arbeitnehmer subjektiv ihr Arbeitsumfeld wahrnehmen, hat ebenfalls entscheidenden Einfluss auf die Gesundheit. Daher sollten Unternehmen sogenannte weiche Faktoren wie zum Beispiel das Arbeitsumfeld und die Unternehmenskultur stärker in den Fokus rücken.„Menschen wollen nicht nur ihre Arbeit erledigen, sondern sich auch zugehörig fühlen und anerkannt werden“, betont  Weinreich. Dass ein schlechtes Betriebsklima zu gesundheitlichen Risiken führen kann, legt der kürzlich veröffentlichte Fehlzeiten-Report des Wissenschaftlichen Institutes der AOK (WIdO) nahe. Die Wissenschaftler des Institutes befragten rund 2.000 Erwerbstätige nach verschiedenen Aspekten wie Führungsstil, Mitarbeiterorientierung und Entlohnung.

Dabei erkannten sie einen klaren Zusammenhang zwischen der Art und Weise, wie Beschäftigte ihre Arbeit erleben, und ihrer Gesundheit. Denn jeder Vierte, der sich negativ über seine Unternehmenskultur äußerte, bewertete auch seine Gesundheit schlecht. Bei den Befragten, die ihr gutes Betriebsklima lobten, war es dagegen nur jeder Zehnte.

Am wichtigsten waren den Mitarbeitern die Loyalität des Arbeitgebers, danach kam gleich das Lob von Vorgesetzten.

„Zwei Faktoren sind hier vor allem wichtig. Einmal brauchen Menschen einen gewissen Handlungsspielraum, den man auch „Job control“ nennt. Das bedeutet, ich kann meine Arbeit selber einteilen und planen“, sagt Carsten Stephan, Geschäftsführer von Team Gesundheit aus Essen. Das Unternehmen berät und unterstützt bundesweit Betriebe, die Gesundheitsförderung systematisch in den Arbeitsalltag integrieren wollen. „Zum anderen ist die soziale Unterstützung am Arbeitsplatz zu nennen, also den Rückhalt, den ich von Kollegen und Vorgesetzten erfahre.“ Wenn Mitarbeiter Einfluss auf ihre Arbeitszeiten nehmen können, sind sie generell zufriedener und letztlich auch gesünder.

Diesen Zusammenhang illustriert der aktuelle Arbeitszeitenreport 2016 der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Mehr als 20.000 Beschäftigte wurden zu ihren Arbeitszeiten befragt. Dabei wünschten sich fast die Hälfte der Befragten (47 Prozent) eine Verkürzung ihrer Arbeitszeit. Vier von zehn Beschäftigten gaben an, Einfluss auf die Gestaltung ihrer Arbeitszeit zu haben. Die ausgewerteten Daten deuteten daraufhin, dass diese Beschäftigten auch zufriedener mit ihrer Arbeit waren und sich einer besseren Gesundheit erfreuten. Dagegen hatten Faktoren wie zum Beispiel ständige Erreichbarkeit, hoher Zeitdruck und häufige Überstunden negative Effekte auf Gesundheit und Zufriedenheit.

Die Freude an der Arbeit schätzen Experten als besonders starke Quelle von Motivation. Von dieser Ressource profitieren vor allem Arbeitnehmer in kreativen Branchen und in akademischen Berufen. Wer dagegen tagein, tagaus als Verkäuferin an der Kasse sitzt oder als Monteur Reifen von einem Pkw herunter und wieder hoch wuchtet, fühlt sich auf Dauer wahrscheinlich bei seiner Arbeit gelangweilt, im schlimmsten Fall sogar ausgebrannt.

„Risikofaktoren, wie ständig dieselbe Tätigkeit ausführen oder starke Lärmbelästigung und Ähnliches, sollten natürlich, wenn möglich, minimiert werden“, sagt Ingo Weinreich. „Ist das nicht oder nur begrenzt möglich, muss man die Arbeitnehmer einbeziehen. Sie sollten darauf vertrauen können, dass sie selbst über einen Teil ihrer Arbeit eine gewisse Kontrolle haben.“

Außerdem kann ein positives Umfeld ungünstige Bedingungen zum Teil ausgleichen. Denn eine gute Beziehung zu den Kollegen und zu Vorgesetzten ist eine wichtige Ressource für psychisches Wohlbefinden. Das konnte eine große Meta-Studie der australischen Universität von Queensland nachweisen. Die Wissenschaftler werteten 58 Studien mit knapp 20.000 Teilnehmern aus. Ein starkes Wir-Gefühl in der Gruppe steigerte auch Motivation und Leistungsbereitschaft.

Wie schaffen es Betriebe, eine positive Unternehmenskultur aufzubauen? „Dazu gehören verschiedene Faktoren wie Transparenz, Information, Partizipation, Wertschätzung, soziale Verantwortung und Glaubwürdigkeit“, erklärt Carsten Stephan von Team Gesundheit. „Das ist kein Einmalprojekt, sondern etwas, das über die Jahre wächst und im alltäglichen Miteinander gepflegt werden muss“.

Mitarbeiterorientierte Führung heißt das Zauberwort. Führungskräfte spielen eine wichtige Vorbildrolle – auch wie sie mit ihrer eigenen Gesundheit umgehen. Denn wer sich selbst stresst, übt oft Druck auf andere aus. Man kann sich ausmalen, welchen Eindruck Mitarbeiter gewinnen, wenn der Chef abends noch E-Mails an die Kollegen versendet. „Führungskräfte haben mehr Einfluss auf die Gesundheit der Mitarbeiter als deren Hausärzte“, sagt die Arbeitsmedizinerin Natalie Lotzmann, Botschafterin für das Thema Gesundheit bei der Initiative Neue Qualität der Arbeit und Leiterin des Globalen Gesundheitsmanagement bei der SAP AG. Weiter gestärkt wird die betriebliche Gesundheitsförderung jetzt durch das neue Präventionsgesetz. Denn die Krankenkassen sind nun gesetzlich verpflichtet, pro Jahr und Versicherten einen Mindestbetrag von zwei Euro zu investieren.