»Der Kunde steht im Mittelpunkt«

Oktober 2017 | Handelsblatt | Zukunft Deutschland

»Der Kunde steht im Mittelpunkt«

Siemens setzt gemeinsam mit seinen Bahnkunden neue Maßstäbe für die Digitalisierung der gesamten Branche und dafür auf das Forschungs- und Industrie-Know-how in Deutschland.

Nah am Kunden kann Siemens dabei helfen, Geschäftsmodelle weiterzuentwickeln.
Siemens AG / Unternehmensbeitrag

Herr Kreß, mit Blick auf die Digitalisierung des Schienenverkehrs sind Sie über die reine Wartung der Züge bereits hinaus. Wo stehen wir heute?
Der erste Schritt zu einem digital und robust aufgestellten Transport ist die Verfügbarkeit der Züge. Und Sie haben Recht, dass wir beim Thema „predictive Maintenance“ heute schon sehr weit sind, fertige Lösungen und Tools haben, die wir unseren Kunden anbieten können. Daraus ergeben sich wiederum sehr viele spannende Möglichkeiten – etwa mit Blick auf die Betriebssteuerung aber auch auf die Weiterentwicklung von Geschäftsmodellen. Die Fragen, an denen wir uns also aktuell messen lassen müssen und wollen, lauten: Was kommt am Ende dabei raus und wird etwas besser?

Und was wird am Ende besser?
Unsere Kunden interessiert letztendlich, wie sie den eigenen Service für die eigenen Kunden optimieren und ausbauen können. Und genau hierzu wollen wir mit unserer Arbeit beitragen. Allerdings erfordert das nicht nur mehr Einsicht in die internen Abläufe der Kunden, sondern auch eine andere, viel intensivere Form des Commitments von unserer Seite.

Das heißt, die Art der Zusammenarbeit mit Ihren Kunden ändert sich gerade grundlegend?
Das tut sie in der Tat. Als anschauliches Beispiel ist sicherlich die langfristige Partnerschaft gut geeignet, die wir gerade mit der DB Cargo für die kommenden sechs Jahre eingegangen sind. Die Besonderheit: Wir werden anhand greifbarer Ergebnisse bezahlt, sind also sowohl am Erfolg als auch am Misserfolg beteiligt und werden in den ersten Jahren zunächst in Vorleistung gehen und investieren müssen.

Die Partnerschaft mit der DB Cargo ist also ein Novum für die Branche?
Es ist tatsächlich die erste enge, partnerschaftliche Zusammenarbeit dieser Art in der Bahnindustrie. Das heißt, es gab weder einen Referenzvertrag noch Szenarien für die Risikosteuerung, an denen man sich hätte orientieren können. Das ist für die Branche ein durchaus mutiger und beeindruckender Schritt, den man vielleicht eher von anderen Gesellschaften hätte erwarten können, die sich mehr Innovationskraft auf die Fahnen schreiben. Wir haben also gemeinsam mit der DB Cargo mit dieser Partnerschaft einen neuen Maßstab für die Branche in ganz Europa gesetzt.

Ist nicht aber auch das Commitment von Ihrer Seite mutig?
Darüber kann man sich sicherlich streiten. Aus unserer Sicht ist es eine logische Konsequenz aus den Erfahrungen, die wir bisher sammeln konnten. Wahr ist aber mit Sicherheit, dass nicht jeder ein solches Engagement leisten könnte, wie wir es nun eingehen. Das ist nur möglich, weil wir als Konzern in den vergangenen Jahren in verschiedenen Bereichen steile Lernkurven durchlaufen sind und nun beispielsweise von den bereits gemachten Erfahrungen der Healthcare- oder Fabrikautomatisierungs-Kollegen profitieren. Zudem ziehen wir als international tätiger DAX-Konzern natürlich auch die richtigen Talente an und profitieren so von einem Know-how, das etwa Start-ups in dieser Bandbreite nicht gewährleisten können.

Lassen Sie uns noch einmal auf das Voranschreiten der Digitalisierung im Schienenverkehr kommen: Es sind also nicht länger die reinen Kosten, die im Fokus stehen?
Natürlich ist es auch weiterhin wichtig, die Kosten zu optimieren. Aber Sie haben Recht, dass diese auch aufgrund der Fortschritte, die wir im Bereich „predictive Maintenance“ machen konnten, nicht länger ausschließlich im Mittelpunkt stehen. Vielmehr wird deutlich, dass es die angebotenen Leistungen und damit die Geschäftsmodelle unserer Kunden sind, die es auf die nächste Digitalisierungsebene zu heben gilt. Aktuell diskutieren wir etwa, wie wir den Kunden unserer Kunden noch bessere Angebote machen können und da sind die Kosten natürlich nur ein Aspekt.

Hat sich bei der Digitalisierung der Leistungen denn überhaupt schon etwas getan?
Definitiv. Noch vor fünf Jahren gab es im Personenverkehr einen gedruckten Fahrplan, der vielleicht zwei Mal im Jahr geändert wurde. Heute finden Sie fast überall dynamische Informationen zu Fahrplänen, Verspätungen oder Wagenfolgen. Auch an der Führung in großen Bahnhöfen hat sich einiges getan. Mittlerweile ist es beispielsweise möglich, die wartenden Gäste an den Gleisen schon so zu positionieren, dass sie besonders in weniger volle Wagen einsteigen. Und moderne Apps und Ticketsysteme können sogar Fahrkarten automatisch entwerten. Sie sehen, es wird viel getan, um den Kunden im Personenverkehr eine möglichst reibungslose Mobilität zu bieten.

Wobei noch immer der Eindruck entsteht, dass die Branche etwas hinterher hängt.
Ich sage nicht, dass beim Thema Digitalisierung nicht noch Luft nach oben wäre. Ich sage nur, dass wir –  aber auch die Branche insgesamt – sehr intensiv daran arbeiten, eine möglichst reibungslose Mobilität für die Kunden im Personen- und Güterverkehr zu realisieren. Sie dürfen nicht vergessen, dass ein Produktzyklus auf der Schiene bei rund zehn Jahren liegt, der der IT bei zwei bis drei Jahren. An diese anderen Schlagzahlen muss sich die Branche nicht nur erst gewöhnen, sie muss auch in der Lage sein, sie in ihren Prozessen abbilden zu können.

Arbeiten Sie auch deshalb so nah bei Ihren Kunden und bauen weltweit Analytics-Zentren auf?
Ich hatte eingangs bereits erwähnt, dass Einblicke in die Betriebsabläufe ein wichtiges Kriterium dafür sind, die Digitalisierung im Schienenverkehr weiter voranzutreiben. „Off-the-shelf-Lösungen“ sind hier nicht gefragt. Wir setzen deshalb auf eine zweigleisige Strategie: Einerseits steuern wir die Produktentwicklung oder auch unsere Railigent-Plattform für ein intelligentes Management der Assets aus unserem Headquarter heraus. Andererseits arbeiten wir mit unseren weltweiten Analytics-Zentren und agilen Teams nah bei unseren Kunden. Die Kombination aus beidem ermöglicht es uns, das Forschungs- und Industrie-Know-how in Deutschland zu nutzen und uns eng mit den Kunden zu verzahnen.

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