Kopernikanische Wende

März 2016 | Wirtschaftswoche | Technologien der Zukunft

Kopernikanische Wende

Als vor fünf Jahren im Rahmen der Hannover Messe zum ersten mal der Begriff „Industrie 4.0“ in die Öffentlichkeit getragen wurde, ging es vor allem um moderne Fabriken und intelligente Maschinen.

Illustration: Friederike Olsson
Interview: Klaus Lüber / Redaktion

Mittlerweile hat die sogenannte vierte industrielle Revolution die ganze Gesellschaft erfasst. Ein Gespräch mit Professor Henning Kagermann, Präsident der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech), und „Mit-Erfinder“ des Begriffes „Industrie 4.0“.

 

Herr Kagermann, können Sie sich noch an den Moment erinnern, als Sie 2011 die Idee zum Begriff Industrie 4.0 hatten? 

 

Es stimmt, Wolf-Dieter Lukas vom Bundesforschungsministerium, Wolfgang Wahlster vom deutschen Forschungszentrum für künstliche Intelligenz und ich hatten damals im Vorfeld der Hannover Messe zum ersten Mal von der sogenannten vierten industriellen Revolution gesprochen. Es ging zunächst darum, ein griffiges Wort für eine bestimmte Innovation im Bereich der industriellen Fertigung zu finden: die Verschmelzung von realer und virtueller Welt zu sogenannten cyber-physischen Systemen.

 

Der Fokus lag also auf der industriellen Produktion?

 

Richtig. 2011 war es noch wichtig, erst einmal zu erklären, welche konkreten technologischen Veränderungen besonders in den Fabriken zu erwarten sind. Nach der Wirtschaftskrise, die Deutschland ja relativ unbeschadet überstanden hatte, war klar: Wir haben das unserer Stärke im Bereich der industriellen Produktion zu verdanken. Also wollten wir ein Zukunftsprojekt starten, das uns die Wettbewerbsfähigkeit in diesem Bereich sichert. Das war „Industrie 4.0“.

 

Sie haben aber schon damals ein Projekt angestoßen, das noch wesentlich breiter angelegt war.

 

Gleichzeitig mit „Industrie 4.0“ haben wir auch das Zukunftsprojekt „Smart Services“ auf den Weg gebracht, mit dem wir die Perspektive des Kunden einnahmen und die Frage stellen wollten, welche neuen Geschäftsmodelle aus der Interaktion zwischen Kundenwünschen und neuen Fertigungstechnologien entstehen werden. Am Anfang sollte „Smart Services“ noch vor allem dafür sorgen, beim Projekt „Industrie 4.0“ nicht den Fokus zu verlieren. Inzwischen ist klar, dass sich beide Felder zu etwas vollkommen Neuem verbinden. 

 

Sie sprechen in diesem Zusammenhang gerne von einer kopernikanischen Wende, die nicht nur die Produktion selbst verändert, sondern auch die Organisation von Unternehmen, unsere Arbeitskultur, ja, unsere Gesellschaft.

 

Und das ist nicht übertrieben. Es steht außer Frage, dass uns die Digitalisierung massiv verändert. Auch wenn es uns am Anfang vor allem darum ging, zu erklären, wie sich unsere Fabriken verändern werden, haben wir diesen Prozess ja nicht umsonst „vierte industrielle Revolution“ genannt. Das impliziert ja wesentlich mehr als nur intelligente Industrieroboter.

 

Können Sie noch einmal erklären, worin genau das technologisch Neue der vierten industriellen Revolution besteht?

 

Die Kerntechnologie der ersten industriellen Revolution war die Mechanisierung, die der zweiten die Elektrifizierung. In der dritten industriellen Revolution drehte sich alles um Automatisierung. Und heute haben wir es mit einer zunehmenden Vernetzung autonom agierender Systeme zu tun – das, was man gerne verkürzt mit dem Begriff „smart“ kennzeichnet.

 

Wenn die Folgen der sogenannten digitalen Transformation so umfassend sind: Wie gut sind wir darauf vorbereitet? 

 

Wir konnten in den letzten Jahren beobachten, wie der Begriff „Industrie 4.0“ zu einer internationalen Marke wurde. Das ist ein gutes Zeichen, denn es zeigt, dass man uns als Experte auf diesem Gebiet akzeptiert und uns zutraut, kompetent mit den Herausforderungen umzugehen. Was man allerdings konstatieren muss: Wir sind nicht die Schnellsten in der Umsetzung technologischer Entwicklungen. 

 

Woran liegt das?

 

An der Struktur unseres Wirtschaftsraumes, die in anderen Zusammenhängen ja immer gelobt wird. Es ist nun einmal so, dass wir über einen extrem breit aufgestellten Mittelstand verfügen. Und es ist eben eine Herausforderung, diese Vielfalt an kleinen und mittleren Unternehmen auch zu erreichen. Aus diesem Grund hatten wir vorgeschlagen, eine von den Verbänden getragene Plattform Industrie 4.0 ins Leben zu rufen. Die Erfahrung hat aber gezeigt, dass es zielführender ist, die Plattform noch breiter aufzustellen. 

 

Was meinen Sie?

 

Aus aktuellen Umfragen wissen wir, dass es immer noch viele KMU gibt, denen beispielsweise der Begriff Industrie 4.0 noch fremd ist. Auch internationale Kooperationen, vor allem zum Thema Standardisierung, müssen vorangetrieben werden. Aber ich denke, hier sind wir mit der nun breiter aufgestellten Plattform Industrie 4.0 gut unterwegs.

»Es steht außer Frage, dass uns die Digitalisierung massiv verändert. Das impliziert wesentlich mehr als nur intelligente Industrieroboter.«

Wir haben gehört, dass die Einbindung von KMU auch ein Thema auf der Hannover Messe sein wird.

 

Das ist richtig. Acatech hat deshalb zusammen mit dem Hasso-Plattner-Institut einen Online-Kurs, einen sogenannten MOOC, zum Thema Industrie 4.0 produziert, der auf der Hannover Messe gestartet werden soll. Damit liefern wir einen kompakten Zugang zu Orientierungswissen – von Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft, Gewerkschaften und Verbänden für diejenigen, die Industrie 4.0 verstehen und einsetzen wollen. Die Teilnehmer erfahren aus erster Hand mehr über die technologischen Grundlagen, Sicherheit, die schrittweise Einführung im eigenen Betrieb und den bevorstehenden Wandel der Arbeitswelt sowie der Aus- und Weiterbildung.

 

Ein Dauerthema ist auch der Ausbau einer leistungsfähigen Dateninfrastruktur.

 

Das ist einerseits gerechtfertigt, andererseits ist es wichtig, den Breitbandausbau als Bedingung für die Digitalisierung nicht überzubewerten. Er ist notwendig, aber nicht hinreichend für das Gelingen der vierten industriellen Revolution  in Deutschland. Denn all die Daten, die im smarten Auto verarbeitet werden, sind ja wenig wert, wenn man es nicht schafft, auch die Umgebung smart zu machen. Die Herausforderung ist es also, Räume mit Sensorik zu bestücken und zu sogenannten „Smart Spaces“ zu machen. Das können eine Fabrikhalle, aber auch eine Straße, eine Kreuzung oder ein ganzes Stadtviertel sein. 

 

Was brauchen wir noch?

 

Der Aufbau von digitalen Plattformen, zum Beispiel für die herstellende Industrie, für den Bereich Energie, für Mobilität. Eine unserer Herausforderungen wird es sein, solche Plattformen auch in Deutschland zu entwickeln, zu betreiben und zu exportieren. Auf der Hannover Messe stellen wir den mittlerweile dritten Bericht zum Zukunftsprojekt „Smart Service Welt“ vor, in dem eine Reihe von existierenden Beispielen für digitale Serviceplattformen beschrieben werden. 

 

Mittlerweile sehen viele in dieser sogenannten Plattform-Ökonomie eines der größten Veränderungspotenziale der Digitalisierung.

 

Zu recht. Wir haben darauf schon 2014 in unserem ersten Bericht zur „Smart Service Welt“ hingewiesen. Entscheidend ist es, zu verstehen: Diese sogenannten Plattformen wirken nicht nur kostenreduzierend, sondern funktionieren als Aggregatoren riesiger Mengen von Daten. Das ist ja die eigentliche Basis der neuen Geschäftsmodelle. Letztlich ist das auch eine Machtfrage: Wer hat Zugriff auf welche Daten? Wer möchte welche Daten teilen? Und wer entwickelt aus den Daten das bessere Geschäftsmodell?

 

Können Sie das anhand eines Beispiels erläutern?

 

Ja, gerne. Ein Automobilhersteller sieht sein Produkt, ein Auto, inzwischen als Plattform für innovative Dienstleistungen. Der moderne Pkw ist voll mit Sensorik, die am laufenden Band Daten produziert. Einen großen Teil dieser Daten möchten die Hersteller aber aus Sicherheitsgründen auf keinen Fall teilen. Aus der Sicht eines Flottenbetreibers sieht es anders aus. Für ihn ist eine Plattform ein digitaler Servicemarktplatz, auf dem er Kunden individuelle Mobilitätsdienstleistungen anbietet – und dazu muss  man möglichst viele Hersteller- und Kundendaten sammeln. 

 

Lassen Sie uns auf die gesellschaftlichen Implikationen der Digitalisierung zurückkommen. Wie berechtigt sind die Ängste vor einer Vernichtung von Arbeitsplätzen? Es besteht die Befürchtung, viele Berufe würden im Zuge der Digitalisierung überflüssig werden.

 

Man muss diese Ängste ernst nehmen, ohne Frage. Wir müssen damit rechnen, dass bestimmte Berufsbilder im Zuge der Digitalisierung verschwinden. Im Gegenzug werden aber auch neue Berufsbilder hinzukommen. Andererseits sehe ich keinen Grund, hier von einer bevorstehenden Massenarbeitslosigkeit zu sprechen. Im Gegenteil: Wenn wir die Chancen ergreifen, die die Digitalisierung auch für den Arbeitsmarkt bereithält, könnte der Stellenabbau sogar durch Wachstumsimpulse überkompensiert werden.

 

Was könnte das konkret bedeuten?

 

Die Beratungsfirma Boston Consulting Group (BCG) rechnet allein im Maschinenbau in den nächsten zehn Jahren mit rund 95.000 zusätzlichen Jobs. Die Arbeit verschwindet nicht, sie wird nur neu definiert. Mit der sich vernetzenden Produktion wird auch der Bedarf an Fachkräften aus den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik steigen. Abgesehen davon werden digitale Assistenzsysteme in Zukunft auch niedriger qualifizierten Fachkräften einen Zugang zu Arbeitsbereichen ermöglichen, den sie ohne technische Unterstützung gar nicht hätten.

 

Welche Branchen sind Ihrer Meinung nach besonders von den Auswirkungen digitaler Transformationsprozesse betroffen? 

 

Da ist zum einen der Energiesektor. Letztlich geht es bei der Energiewende um den Übergang zu dezentralen Strukturen und einer fluktuierenden Stromerzeugung. Es ist meiner Meinung nach auch klar, mit welchen Mitteln diese Herausforderung zu meistern ist. Wir benötigen eine smarte Infrastruktur, ein Internet der Energie, das die Vielzahl der Energieerzeuger, -verbraucher und -speicher vernetzt, um Netzstabilität und Versorgungssicherheit zu gewährleisten.

 

Besonders heftig diskutiert werden ja gerade die Auswirkungen auf die Gesundheitsbranche.

 

Dabei handelt es sich sicherlich um einen der anspruchsvollsten Transformationsprozesse. Das liegt auch an den Herausforderungen im Bereich des Datenschutzes, der gerade im Gesundheitsbereich besonders wichtig ist. Dies und die bestehenden Strukturen führen dazu, dass man noch nicht soweit ist, wie man technologisch sein könnte.

 

Was meinen Sie?

 

Es ist bekannt, dass die Tätigkeit eines Arztes zu einem Teil aus administrativen Tätigkeiten besteht. Vieles davon könnte man automatisieren – eine Zeitersparnis, die den Patienten zugutekäme. Eigentlich ein wunderbares Beispiel für die großen Chancen, die die Digitalisierung bietet. Wir sollten schnell lernen, sie zu nutzen. 

 

Henning Kagermann ist seit 2009 Präsident von acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften. Von 2010 bis 2013 trieb er als Sprecher der Promotorengruppe Kommunikation der Forschungsunion Wirtschaft – Wissenschaft Zukunftsprojekte wie Industrie 4.0 und Smart Service Welt voran. Seit 2010 ist er auch Vorsitzender der Nationalen Plattform Elektromobilität (NPE).