Welche Daten der Industrie nützen...

November 2018 | Wirtschaftswoche | Economy 4.0

Welche Daten der Industrie nützen...

… und wie KI, Big Data und Machine Learning die industrielle Produktion verändert: Ein Gespräch mit dem Wirtschaftsinformatiker Key Pousttchi.

Illustration: Mario Parra
Interview: Klaus Lüber / Unternehmensbeitrag

Herr Pousttchi, die Digitale Transformation – vor allem im Bereich Künstliche Intelligenz–  findet gerade vor allem in den USA und China statt. Nun hört man, es sei nur eine Frage der Zeit, bis Deutschland durch seine hohe Kompetenz im Bereich Industrie 4.0 aufholt. Teilen Sie diese Einschätzung?
Diese Geschichte hört man ja schon seit vielen Jahren: Im B2C sind die anderen besser, deswegen konzentrieren wir uns auf B2B. Ich halte dieses Narrativ gelinde gesagt für verantwortungslos.


Warum?
Ich würde nicht darauf wetten, die nicht genutzte Chance im B2C Bereich einfach durch eine zukünftige Dominanz im Bereich B2B ausgleichen zu können. Eigentlich wissen wir doch schon seit 15 Jahren: B2C frisst B2B. Mittel- und langfristig wird auch das produzierende Gewerbe von der massiven disruptiven Dynamik des Consumer-Marktes erfasst werden.


Was genau passiert im Rahmen dieser Disruption?
Was passiert, ist, dass es einzelnen Unternehmen zunehmend gelingen wird, sich zwischen Händler und Endkunden zu positionieren und die Margen der Realweltindustrien abzuschöpfen. Sie sind dazu fähig, weil sie im großen Stil Daten sammeln und diese entsprechend interpretieren. Ob Sie das dann KI, Big Data oder Machine Learning nennen, macht wenig Unterschied.


Das heißt, Internetkonzerne nehmen Einfluss auf die Realwirtschaft?
Genau das wird passieren. Im Grunde haben die Firmen gar keine andere Wahl, als ihre Wertschöpfung von der virtuellen in die reale Welt zu verlegen. Und zwar deshalb, weil sie nur so die Wachstumserwartungen ihrer Aktionäre befriedigen können: 80 Prozent der Wertschöpfung findet nämlich immer noch in der realen Welt statt. Für den B2C-Bereich, etwa den Einzelhandel, die Banken oder Versicherungen, ist das eine echte Herausforderung. Aber auch der B2B-Bereich gerät unter Druck.


Und damit das Konzept Industrie 4.0?
Zunächst muss man sich kurz klar machen, was eigentlich hinter diesem Buzzword steckt. Die digitale Transformation der Industrie findet auf drei Ebenen statt. Zum einen können Unternehmen Prozesse effizienzsteigernd umgestalten, ganz im Sinne von klassischem Business Process Reengineering. Die Möglichkeiten, die man hierbei durch die Analyse von Daten hat, sind vielfältig. Sie können Lieferketten optimieren oder erkennen, wann teure Maschinen gewartet werden müssen, um Ausfälle zu vermeiden. Hinzu kommt, als zweite Dimension, die Entwicklung neuer Produkte und Geschäftsmodelle, etwa in der Vermischung von Produkt und Service.


Was meinen Sie?
Ich meine einen Perspektivwechsel wie zum Beispiel beim Bohrmaschinenhersteller Hilti, dessen Produkt im Grund gar nicht mehr die Maschine selbst, sondern das ist, was sie produziert: nämlich ein Loch.


Und die dritte Dimension der digitalen Transformation?
Die wird eben häufig vergessen. Das ist die Art und Weise, wie die Digitalisierung die Interaktion mit den Kunden grundlegend verändert. Firmen, die sich bisher ausschließlich im B2B-Geschäft gesehen haben, erkennen plötzlich, dass sie in den Endkundenmarkt einsteigen müssen, weil der Vertrieb über den Zwischenhändler nicht mehr funktioniert. Diese Dynamik sollten wir, trotz all unserer Kompetenz im B2B-Bereich, nie aus den Augen verlieren.