Juni 2017 | Wirtschaftswoche | Digitalisierung

Fit für die Welt 4.0

Dass die Digitalisierung unsere Gesellschaft grundlegend verändert – daran besteht kein Zweifel. Allerdings stehen wir den disruptiven Dynamiken längst nicht so macht- und alternativlos gegenüber, wie es bisweilen den Anschein hat.

Illustration: Daniel Balzer
Interview: Klaus Lüber / Redaktion

Dies beweist die Geschichte technologischer Umbrüche. Ein Gespräch mit dem Historiker Prof. Dr. Andreas Rödder.
 

Herr Rödder, wir neigen dazu, die Digitalisierung als ein vollkommen neues, beispielloses Phänomen zu betrachten, das über uns hereinbricht wie ein Naturereignis. Was sagen Sie als Historiker dazu?

Dazu wäre zunächst zu sagen, dass der aktuelle Transformationsprozess alles andere als neu ist. Kategoriale Veränderungen der Weltwahrnehmung kennt der moderne Mensch seit dem späten 18. Jahrhundert, nämlich seit dem Beginn der Industrialisierung, als sich Kraft von Biomotorik abgelösten. Das erklärt beispielsweise, warum die Menschen in den 1830er-Jahren gedacht haben, bei rund 30 Stundenkilometer Reisegeschwindigkeit in der gerade neu erfundenen Eisenbahn würde ihnen das Trommelfell platzen. Darüber lachen wir ja heute. Aber für die Zeitgenossen war das eine Geschwindigkeit, mit der sie sich nie zuvor fortbewegt hatten. Die nächste kategoriale Veränderung war die Einführung des Telegrafen und des Telefons. Man muss sich vorstellen, dass ein Brief von Bombay nach London zuvor Wochen benötigte, weil er ja physisch transportiert werden musste. Nun wurde Kommunikation in Echtzeit möglich. Dass das für die Zeitgenossen disruptive Veränderung waren, leuchtet sofort ein.

 

Gibt es also so etwas wie ein historischesMuster für disruptive Prozesse, wie wir sie heute erleben?
Das gibt es. Ich würde es als eine Trias aus Angst, Abwehr und Adaption bezeichnen. Ob die Eisenbahn, die „Maschine“ oder die moderne Großstadt – ihre Entstehung wurde jedesmal von Furcht vor Veränderung begleitet. Es folgen Abwehrreaktionen, wie etwa die aus heutiger Sicht skurrile Warnung vor „Vielleserei“, wie sie Mitte der 1840er-Jahre ausgesprochen wurde. Im nächsten Schritt setzt ein Prozess der Gewöhnung ein. Das Betrachten eines expressionistischen Gemäldes wurde von den Zeitgenossen im frühen 20. Jahrhundert noch als regelrecht nervenzerfetzend empfunden. Heute können wir das nur noch sehr schwer nachvollziehen, weil wir uns an ganz andere Formen von Disruption gewöhnt haben.

 

Das hört sich vergleichsweise harmonisch an.
Dieser Prozess kann tatsächlich harmonisch ablaufen, allerdings zeigt uns die Geschichte auch, dass er ebenso schwere Krisen, ja Katastrophen hervorbringen kann. Es gibt noch ein viertes A, die Aggression, verbunden mit der Flucht in einfache Lösungen. Das haben wir im 20. Jahrhundert unter anderem mit den totalitären Bewegungen erlebt – mit desaströsen Folgen.

 

Was können wir daraus für die aktuelle Situation lernen?

Entscheidend ist es, sich bewusst zu machen, dass wir der Digitalisierung nicht so machtlos gegenüberstehen, wie es das Narrativ der Naturgewalt suggeriert. Wir kennen dieses Erzählmuster bereist aus dem 19. Jahrhundert. Damals waren es Industrialisierung und Kapitalismus, die scheinbar alternativlos über die Menschen hereinbrachen – denken Sie an Kinderarbeit oder das Schuften in 12- bis 14-Stunden-Schichten. Dennoch haben es die Menschen geschafft, diese Kräfte zu zähmen und ihre Lebenswirklichkeit aktiv zu gestalten: durch die Gründung von Gewerkschaften, durch die Erfindung des Sozialstaates mit seinen Absicherungen gegen die Risiken der neuen Industriegesellschaft bis hin zur sozialen Marktwirtschaft.

 

Das heißt, die Menschen erobern sich Gestaltungsräume zurück?

Ganz genau. Ein weiteres Beispiel aus der jüngeren Geschichte ist unsere Haltung zu Finanzmärkten. Auch hier überwog lange die Haltung, wir hätten gar keine andere Wahl, als uns mehr oder weniger bedingungslos anzupassen. Mittlerweile sind wir doch weitestgehend der Meinung, dass das so nicht gehen kann, zumal nach der Finanzkrise 2008. Ob die neuen Regulierungen alle erfolgreich sind oder nicht, ist eine andere Frage. Jedenfalls ist im Bereich der Einhegung von freigesetzten Kräften einiges passiert. Und genau das ist auch von unserem Umgang mit der Digitalisierung zu erwarten.

 

Was macht Sie da so optimistisch?
Jedenfalls halte ich Fatalismus für unangebracht. Ich gehöre beispielsweise nicht zu denjenigen, die es für ausgemacht halten, dass uns durch Automatisierung zwangsläufig die Arbeit ausgehen wird. Diese Angst ist bereits 50 Jahre alt und war bislang bei allen industriellen Revolutionen präsent. Allerdings sind diese Befürchtungen nie eingetreten. Und wir erleben, wie durch die Digitalisierung sprunghafte Produktivitätsgewinne entstehen.

 

Allerdings stehen wir dann vor der Herausforderung, diese Gewinne auch angemessen zu verteilen.
Richtig. Wenn sich Produktivität und Arbeitsbedingungen so verändern, wie das für Arbeit 4.0 oder Industrie 4.0 prognostiziert wird, wird es einen Prozess der Umverteilung geben müssen. Dann muss man über Arbeit und soziale Sicherung noch einmal neu nachdenken. Vielleicht werden auch Konzepte wie das bedingungslose Grundeinkommen noch einmal eine ganz andere Relevanz bekommen. Das ist zugegebenermaßen eine Herausforderung. Aber schließlich haben wir Ähnliches auch im Zuge frühere Disruptionen bewältigt. Denken Sie zum Beispiel an die dramatisch reduzierten Arbeitszeiten im Vergleich zu den Anfängen der industriellen Revolution.

 

Bei allen Gemeinsamkeiten mit früheren Transformationsprozessen: Gibt es auch Merkmale, die die Digitalisierung qualitativ von älteren Entwicklungen unterscheidet?
Man kann schon sagen, dass wir heute Prozesse erleben, die vor mehr als 100 Jahren begonnen haben. Als Grundmuster und Grunderfahrung der Moderne stellt sich eine stufenförmige Beschleunigung heraus. Alle Indikatoren wie Datenmengen, Produktivität oder Pro-Kopf-Einkommen in den industrialisierten Ländern weisen seit dem 19. Jahrhundert eine exponentiell wachsende Kurve auf. Man könnte die Digitalisierung einfach als einen weiteren Schub in dieser Entwicklung bezeichnen. Was mit der Digitalisierung allerdings in einem neuen Ausmaß verbunden ist, sind Umlaufgeschwindigkeiten und Umlaufvolumina und vor allem der Aspekt der Vernetzung. Hier liegt der Unterschied zur Kommunikation, wie sie sich in früheren industriellen Revolutionen herausgebildet hat. Es handelte sich immer nur um Kommunikation „one to one“ oder „one to many“, aber nicht „many to many“, wie wir es heute erleben.

 

Was genau ist die kategorial neue Qualität der Vernetzung?
Zu den wirklichen Neuerungen zählt der Einfluss auf die Art und Weise, wie wir denken: Meiner Einschätzung nach hat die Digitalisierung über ihre Qualität der Vernetzung das Potenzial, traditionelle hierarchisch-lineare, kausal-geneti-
sche und logisch-systematische Denkmuster der Moderne zu überlagern oder sogar zu ersetzen. „One to one“ entspricht einer Grundstruktur abendländischen Denkens, das im Grunde linear, im Sinne von Ursache und Folge geprägt war. Wenn Sie dagegen im Netz surfen, ist die Bewegung flächig. Man könnte sagen, das Denken wird flächiger statt linear.

 

All dies passiert ja nicht von alleine, wir müssen uns den neuen Verhältnissen ja durchaus auch aktiv anpassen. Ist unser Bildungssystem darauf überhaupt vorbereitet?
Meiner Einschätzung nach nur bedingt. So wie wir uns emanzipieren müssen von dem Fetisch zu meinen, dass sich Gesellschaften nur anpassen müssen an die Finanzmärkte und die Digitalisierung, gilt das ganz genauso für die Bildung. Eine der verheerenden Auswirkungen der Bologna-Reform an den Universitäten hing mit der Vorstellung zusammen, dass Studenten an die Anforderungen des Arbeitsmarktes angepasst werden müssen. Wichtiger denn je ist der klassische Ansatz der Humboldtschen Bildung, nämlich die Ausbildung selbstständiger, kritischer Persönlichkeiten, damit der Mensch den Computer beherrscht, nicht umgekehrt. Wenn ich diese Priorität setze, dann sage ich, natürlich muss man Medienkompetenz im Sinne von Anwendungskompetenz besitzen. Aber das oberste Ziel ist kritische Urteilsfähigkeit. Dieses klassische Bildungsideal finde ich heute aktueller denn je. Das Entscheidende ist es, den Menschen 1.0 fit zu machen für die Welt 4.0.